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Meine Damen, meine Herren
ich schätze mich glücklich, heute abend unter der Schirmherrschaft der B'nai B'rith zu sprechen, die ein so hohes Ideal menschlicher Brüderlichkeit verfolgen und zu deren berühmtesten Mitgliedern mein Lehrer Freud gehörte.
Ich erinnere mich: Als Freud nach dem Einmarsch der Truppen Hitlers Wien verlassen mußte, sortierte ich zusammen mit seiner Tochter Anna, mit der mich seit jener Zeit eine enge Freundschaft verbindet, seine umfangreiche Korrespondenz. Wir stießen dabei häufig auf Briefe, die den Briefkopf der B'nai B'rith trugen. Retten konnten wir sie nicht … da die Papiere, die Freud mit sich nahm, als er Österreich verließ, durch die Zensur der Nazis gingen. Aber damals erfuhr ich, was Ihre schöne Organisation ist und welche Bedeutung sie für Freud hatte.
In einer Ansprache, die er 1926 anläßlich seines siebzigsten Geburtstages an die B'nai B'rith richtete, erinnerte Freud daran, daß er Ihrer Vereinigung seit 1895 angehörte, daß sie das erste Auditorium war, vor dem er seine Vorstellungen ausbreiten konnte und daß er mehr als zwanzig Jahre regelmäßig die Zusammenkünfte besuchte.
Ich kann nichts Besseres tun, als Ihnen einen Teil dieser Ansprache zu übersetzen und vorzulesen:
»Es geschah in den Jahren nach 1895«, sagt Freud, »dass zwei starke Eindrücke bei mir zur gleichen Wirkung zusammentrafen. Einerseits hatte ich die ersten Einblicke in die Tiefen des menschlichen Trieblebens gewonnen, manches gesehen, was ernüchtern, zunächst sogar erschrecken konnte, andererseits hatte die Mitteilung meiner unliebsamen Funde den Erfolg, dass ich den grössten Teil meiner damaligen menschlichen Beziehungen einbüsste; ich kam mir vor wie geächtet, von allen gemieden. In dieser Vereinsamung erwachte in mir die Sehnsucht nach einem Kreis auserlesener, hochgestimmter Männer, die mich ungeachtet meiner Verwegenheit