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Vorbemerkung: Vor dreißig Jahren, im Mai 1962, fand in Wiesbaden unter der Leitung von Alexander Mitscherlich ein Symposion zum Thema »Die psychologischen und sozialen Voraussetzungen des Antisemitismus — Analyse der Psychodynamik eines Vorurteils« statt. Referenten waren u. a. Alphons Silbermann (»Zur Soziologie des Antisemitismus«), Béla Grunberger (»Der Antisemit und der Ödipuskomplex«) und Wolfgang Hochheimer (»Vorurteilsminderung in der Erziehung und die Prophylaxe des Antisemitismus«). Der Vortrag von Martin Wangh zur Dynamik und Genese des Vorurteils, des Antisemitismus und des Nazismus wurde, ebenso wie diejenigen der übrigen Referenten, in Psyche, 16 (1962/63), S. 273-284, abgedruckt, freilich in stark gekürzter Gestalt.
Dreißig Jahre später, im Zeichen brennender Asylantenheime und jüdischer Gedenkstätten in Deutschland, präsentieren wir den Text erneut — im wesentlichen ungekürzt. Die seinerzeit gedruckte Version des Wanghschen Vortrags beschränkte sich auf den dritten Teil zur Frage des spezifisch nationalsozialistischen Antisemitismus. Demgegenüber kommen in der hier gedruckten Fassung auch die Überlegungen des Autors zur Vorurteilsbildung und zu den religiösen und ökonomischen Grundlagen des Antisemitismus zur Sprache. Nicht zuletzt an den klinisch fundierten Diagnosen der »Vorurteilskrankheit« (Alexander Mitscherlich) zeigt sich, daß psychoanalytisches Wissen auch nach drei Jahrzehnten nicht einfach »veraltet«, sondern erstaunlich aktuell geblieben ist. Im übrigen ist zu vermuten, daß die von Wangh vorgetragenen Gedanken im Jahre 1992 unter günstigeren Rezeptionsbedingungen stehen als vor dreißig Jahren, als die westdeutsche Wirtschaft boomte und Fremdenfeindlichkeit, Rassismus und Antisemitismus in der breiten Öffentlichkeit kein Thema waren. Die Zeiten haben sich geändert, und die Zeichen stehen auf Sturm.
Nur der besonders Mutige oder vielleicht der, der sich dem kontrollierten analytischen Prozeß in positiver Übertragung anvertraut, wagt e