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Lieber Herr Ohlmeier, verehrte Kollegen,
eigentlich ist das Thema über Schuld und Verantwortung mit einem anderen von Freud behandelten Thema verbunden: »Die endliche und die unendliche Analyse« Wir sind immer in einem Zeitgeschehen, die ganze Zeit in einem Status nascendi, und wenn ich heute hier bin, so begann die Geschichte eigentlich auch im Dezember 1945.
Wenn ich heute imstande bin, zu Euch über das Thema von Vergebung, des Akzeptierens von Schuld und Verantwortung zu sprechen, so ist dies mit einer kleinen Episode verbunden. Im Dezember 1945 lag ich in München in einem Krankenhaus für sogenannte »Displaced Persons«, und ich hörte, daß man im »Brunnenhof Nathan der Weise« geben würde. Damals wußte ich nichts über Lessing. Ich habe mir einen Anzug geliehen und bin durch die zerstörte Stadt gegangen — es gab damals keine Straßenbahn —, und ich habe »Nathan der Weise« gesehen. Und die Geschichte von der Parabel war jene Geschichte, die Gefühle in mir erweckt hat, die mich von dem seelischen Tod gerettet, mich vom Haß gerettet haben.
Die Worte Lessings, die Worte eines Deutschen, haben mir kein Gefühl der Vergebung gegeben, dafür aber ein Gefühl für Zeitabläufe, für Zeit als einem unendlichen Prozeß, über den jeder von uns nachdenken müßte. Wir sind nicht befreit von Gefühlen des Hasses, von Projektionen und dem Wunsch, einen Sündenbock im anderen zu finden. Dazu kommen mir die Worte eines Gelehrten — Hillel, Lehrer Christi — in den