You do not currently have permission to view the full text for this document. Please sign in to an account with an active subscription or contact support.
Um das Phänomen »Masse« war es in jüngster Zeit ziemlich still geworden. Kultur, Staat, Arbeit, Beruf, Familie, Individuum, Mann, Frau, Kind waren durchweg bevorzugtere Objekte sozialwissenschaftlichen Erkenntnisdrangs der letzten Jahre. Dabei ist das historische Entstehen, die soziale Zusammensetzung, politische Funktion und der psychologische Zusammenhalt moderner Massen ein noch immer weithin unaufgeklärtes Feld der damit befaßten Disziplinen. Das Buch des Politikwissenschaftlers Helmut König könnte den diesbezüglichen Aufklärungsprozeß ein Stück weit befördern. Es schildert ausführlich und kenntnisreich die sozialhistorische Entstehung moderner Massen, wobei die besondere Rolle der Herausbildung der Großstädte im 19. Jahrhundert betont wird. Weitere Kapitel sind dem wissenschaftlichen Diskurs über Massen und den Versuchen ihrer politischen Instrumentalisierung im nachliberalen Kapitalismus sowie ihrem Schicksal im Wohlfahrtsstaat heutiger Prägung gewidmet. Auch wenn die faschistischen Massen nicht zum Gegenstand eines eigenen Kapitels gemacht werden, was zunächst überraschen mag, sind sie doch im Text durchweg präsent, als Knotenpunkt, auf den seine Argumentationslinien hinzielen und von dem sie ausstrahlen. Aus Königs luzider zivilisationsgeschichtlicher Herleitung gewinnen auch die Massen im Faschismus - fernab geschichtsenthobener Dämonisierung - Kontur.
Interesse weckt Königs Buch vor allem dadurch, daß es nicht nur wissenschaftlich brav seinem Thema gerecht zu werden versucht, sondern eine Argumentationsstrategie entwickelt und konsequent verfolgt, die das Spannungsverhältnis, in welches die vielen einzelnen mit den Auswirkungen des bürgerlichen Zeitalters geraten - eben das Auseinandertreten von »Zivilisation und Leidenschaften« -, in den Mittelpunkt stellt. Im von Ängsten geleiteten Diskurs der bürgerlichen Gesellschaft über sie - so eine zentrale These - repräsentiere Masse dasjenige, was als leidenschaftlich, »chaotisch und formlos aus dem sozialen Körpe