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In seiner Schrift »Die endliche und die unendliche Analyse« beruft sich Freud auf Empedokles, wenn er im Wirken des Lebens- und Todestriebs die tiefste Einsicht erkennt, die die Psychoanalyse in die Lebensvorgänge gewinnen kann: die einen bestrebt, das Leben zu immer größeren Einheiten zusammenzufassen, die anderen darauf ausgerichtet, jene Strukturen wieder zu zerstören. Freud als Vorläufer der modernen Chaosforschung gelesen - das würde bedeuten, daß das Leben jenem Gegensatz von Strukturaufbau und chaotischer Destrukturierung niemals entgeht, oder im Hinblick auf das Erkenntnisproblem: daß das Irrationale bereits im Wesen der Rationalität selbst angelegt ist.
Über die klinische Perspektive Freuds hinausgehend unternimmt es Dieter Wyss im vorliegenden Werk, die anthropologische Relevanz dieses Irrationalen aufzuzeigen. Dabei geht es ihm um den Nachweis - so in dem Geleitwort von H. Lang -, »wie beim Versuch der Determinierung von Natur und Mensch ein nie zu bestimmender irrationaler Kern bleibt - ein Kern indessen, der aufgrund dieser »chaotischen« Verfaßtheit zugleich Ermöglichungsgrund für die schöpferische Freiheit des Menschen ist (Kap. I). Damit ist bereits angedeutet, daß es sich hier um eine philosophische Untersuchung handelt, in deren Verlauf der Autor immer wieder Forschungsergebnisse der Einzelwissenschaften in seine Überlegungen integriert.
Die Philosophie des Chaos oder das Irrationale kann im weitesten Sinne verstanden werden als die Ausarbeitung einer Anthropologie der Differenz. Einer Anthropologie, die mit den Begriffen der klassischen Ontologie und Bewußtseinsphilosophie gegen deren logozentrische Voraussetzungen argumentiert. Erst dann nämlich, wenn die traditionelle und, wie Wyss meint, verhängnisvolle Gleichsetzung von Sein und Vernunft aufgebrochen wird, stellt sich - so der Untertitel des Buches - die Frage nach der Bestimmung des Menschen in einer irrationalen Welt. »Irrational« meint dabei nicht schlechthin das Fehlen von Rationalität, sond