You do not currently have permission to view the full text for this document. Please sign in to an account with an active subscription or contact support.
»Sie war eine der abstoßendsten Hysterikerinnen, denen er je begegnet war« (Felix Deutsch, A footnote to Freud's fragment of an analysis of a case of hysteria).
Dies war bis zur Neuen Frauenbewegung das abschließende Urteil über Dora, die Patientin in der ersten von Freuds sechs berühmten Fallgeschichten, und für mich schwingt darin so etwas wie ausgleichende Gerechtigkeit mit. Was hätte einer Person, die Sigmund Freud verlassen hat, auch sonst zustoßen sollen?
In den letzten drei Jahrzehnten allerdings, in denen die gesellschaftlichen Wurzeln der weiblichen Konversionshysterie und die Konsequenzen dysfunktionaler Interaktionen für Kinder aus einer neuen Perspektive betrachtet wurden, sind zahlreiche Aufsätze sowie mindestens ein Buch zur Verteidigung Doras erschienen, die Freuds Behandlung direkt oder indirekt kritisieren. Hannah S. Deckers Buch Freud, Dora, and Vienna 1900 lehnt sich zwar an diese neue Perspektive an, ist aber sehr viel mehr als eine bloße Revision oder Kritik der ursprünglichen Fallgeschichte. Vielmehr stellt es Doras Krankheit und die bloße Episode, die ihre Behandlung bei Freud darstellte, ja ihre gesamte Lebensgeschichte und die ihrer Familie in einen sozio-historischen Kontext, der das Verständnis des »Falls Dora« verändert und dazu eine ganz neue Würdigung des historischen Zeitpunkts und des geographischen und kulturellen Rahmens ermöglicht, in dem Freud die Psychoanalyse ins Leben gerufen und weiterentwickelt hat.
Bei Decker wird Doras Geschichte somit zu einer Geschichte über das Schicksal einer vielversprechenden, intelligenten Jüdin aus der Mittelschicht, die ihre Entwicklungsjahre in einer dysfunktionalen Familie im misogynen und antisemitischen Wien verbrachte und von den widrigen Umweltbedingungen emotional geschädigt wurde, die ihr Leben prägten. »Doras Leben war wie das der meisten Menschen kein außergewöhnliches. Sie verdient es, als unglücklicher Mensch in Erinnerung zu bleiben, als unabsichtliches Opfer von familiärer Pathologie, so