You do not currently have permission to view the full text for this document. Please sign in to an account with an active subscription or contact support.
Wir leben im Zeitalter des Narzißmus. Was hat es indes auf sich mit der Allgegenwärtigkeit narzißtischer Störungen? Der Rede vom »neuen Sozialisationstypus« und der »narzißtischen Gesellschaft«? Im Mythos ist Narziß ein Jüngling - was hat das zu bedeuten? Ist die Libido (immer noch) männlich oder hat mit der Phallozentrismuskritik an der Psychoanalyse die Revision längst stattgefunden? Der scheinbaren Einverständlichkeit zum Trotz bleibt häufig unklar und verschwommen, wovon denn tatsächlich die Rede ist. Um so notwendiger ist es, dies genauer zu fassen.
Lilli Gast stellt in ihrer Studie Libido und Narzißmus das psychoanalytische Narzißmuskonstrukt ins Zentrum und verfolgt dessen Geschichte, Veränderungen und Anwendungen in umfassender Weise. Damit ist ihre Untersuchung zugleich in die Erforschung bewegungs- und wissenschaftsgeschichtlicher Topoi eingebettet, die in letzter Zeit aufschlußreiche Erkenntnisse und Sichtweisen hervorgebracht hat - ich verweise an dieser Stelle exemplarisch auf die ebenfalls bei edition diskord verlegte Zeitschrift Luzifer-Amor. Schon im Titel der Studie ist die erste der beiden Hauptthesen, die im Auffächern der Ideengeschichte des Freudschen Narzißmuskonstrukts belegt werden sollen, kenntlich: daß im psychoanalytischen Diskurs das Sexuelle abhanden gekommen sei - oder vielmehr hinausgedrängt wurde - und sich dies insbesondere an der Konzeptgeschichte des Narzißmus nachweisen und nachvollziehen lasse. Eng damit verknüpft konstatiert die Autorin mit ihrer zweiten These die bestehende Unmöglichkeit, eine geschlechterdifferente Qualität des Narzißmus zu fassen, da die Entsexualisierung eine Lösung von Geschlechterdifferenz (und Körperlichkeit überhaupt) aus dem metatheoretischen Rahmen nach sich gezogen habe.
Daß das (Wieder-)Einsetzen eines Diskurses der Geschlechterdifferenz nicht unumstritten ist, zeigen u.a. die aktuellen Debatten um die kulturelle Produktion von (Zwei-)Geschlechtlichkeit postmoderner und feministischer Provenienz (z. B.