You do not currently have permission to view the full text for this document. Please sign in to an account with an active subscription or contact support.
Dieses Buch ist ein streitbares, provokatives Buch; ein Text, der konsequent den Finger auf die empfindlichen Stellen zu legen versteht und den Leser dazu zwingt, Stellung zu beziehen. Die Autoren — in freier Praxis niedergelassene Mitglieder der Wiener Psychoanalytischen Vereinigung — trauen sich etwas zu, was man unter Psychoanalytikern schon seit längerem vermeidet, vielleicht, weil man der Auffassung ist, es gehöre nicht zum guten Ton: nämlich klar Position zu beziehen und deutlich die Meinung zu vertreten, ob etwas falsch oder richtig sei. Vor allen Dingen aber ist es deswegen ein Buch, das zur Stellungnahme herausfordert, weil es sich mit dem allgegenwärtigen »Bruch unserer Zivilisation« (D. Diner) beschäftigt, der jeden von uns in den Bann schlägt. »Die wissenschaftliche Untersuchung der Folgen von Verfolgung und KZ-Haft kann nur parteilich sein. Verfolgung, industriell organisierter Massenmord und Genozid gingen nicht spurlos an Menschen vorbei, die der eigenen Ermordung durch Zufall entronnen waren. Die wenigen Überlebenden des Naziterrors wurden gerettet, weil das Naziregime militärisch besiegt wurde« (S. 66). Wie ist es auch möglich, angesichts der Erniedrigung, Diskriminierung, Verfolgung und des Völkermordes an den Juden sich einer »Objektivität« zu verpflichten — so als ob man unbeteiligter Zuschauer zu sein vorgeben könnte — und dabei nicht dem Verdikt zu verfallen, den »Bruch der Zivilisation« zu vertiefen? Darüber hinaus gilt es zu erinnern, daß nicht gesellschaftlicher Widerstand und politische Einsicht dem Völkermord Einhalt geboten haben. Nicht eine wie auch immer gebrochene Einsicht in das durch eigenes Handeln hervorgebrachte Inferno konnte Auschwitz einreißen und das System des Mordens zum Einsturz bringen, sondern der gewaltsame und durch den Krieg bedingte Eingriff der Siegermächte. Daher ist die Frage nach dem fruchtbaren Schoß, »aus dem das kroch«, nach wie vor virulent.
Im emphatischen Sinn des Wortes ist dieses Buch in mehrfacher Weise ei