You do not currently have permission to view the full text for this document. Please sign in to an account with an active subscription or contact support.
Wenn zwei jüngere Analytiker sich daranmachen, ausgewählte Schriften eines sehr viel älteren Kollegen neu herauszugeben, wenn dieser Kollege dafür weder einen runden Geburtsoder Todestagstermin liefert, seine schriftliche Hinterlassenschaft überwiegend aus kürzeren Zeitschriftenoder Buchbeiträgen besteht, also vielortig abgelegt ist, dann ist das praktisch, wegen der erleichterten Zugriffsmöglichkeit, aber eigentlich noch kein überzeugender Grund. Daß dieser analytische Vorfahre Simmel heißt, ist bei seinem Bekanntheitsgrad eher verwechslungsträchtig, daß er 1920 eine psychoanalytische Poliklinik mitbegründete und die erste Einrichtung für stationäre Psychoanalyse schuf, weckt eigentlich auch nur das Interesse kleinerer Kreise. Diesen Autor gebündelt zu lesen, motiviert auch nicht gerade die früher publizierte Aussage der Herausgeber, daß »alle Überlieferungen von seinen mitreißenden pädagogischen Fähigkeiten als Dozent und Redner voll sind, die sich nur bedingt im hinterlassenen literarischen Werk niedergeschlagen haben« (Hermanns und Schultz, 1985).
Mehr schon mag den Leser locken, daß Horkheimer (1948) Ernst Simmel einen »kongenialen Schüler Freuds« nannte und in einer Gedenkrede seine »produktive Orthodoxie« rühmte. Bei Analytikern mit historischem und nationalem Interesse mag die Aussage Freuds von 1918 Interesse wecken: »Da ist zum ersten Mal ein deutscher Arzt, der sich ohne gönnerhafte Herablassung ganz auf den Boden der Psychoanalyse stellt, ihre vortreffliche Brauchbarkeit in der Therapie der Kriegsneurosen vertritt und mit Beispielen belegt, und sich auch in der Frage der sexuellen Ätiologie durchaus rechtschaffen benimmt. Er ist der Psychoanalyse allerdings nicht ganz nachgekommen, steht im Wesen auf dem kathartischen Standpunkt, arbeitet mit der Hypnose, die ihm ja Widerstand und sexuelle Triebkräfte verdecken muß, entschuldigt dies aber richtig mit der Notwendigkeit eines raschen Erfolgs und mit dem Massenbetrieb. Ich glaube, ein Jahr Schulung würde ei