You do not currently have permission to view the full text for this document. Please sign in to an account with an active subscription or contact support.
Die Diskussion, die in der Psyche eröffnet wurde (Fichtner, 1994; Haynal, 1995; Eissler, 1995), geht um einen Punkt, an dem ärztliche Ethik auf die Arbeit des Historikers ausstrahlt (siehe bereits Fichtner, 1989, S. 813 f.). Innerhalb der Geschichtswissenschaft werden ähnliche Probleme der Rücksicht auf lebende Personen etwa in bezug auf Biographien erörtert. Im allgemeinen aber herrschen dort Standards, die sowohl die nachprüfbare Verwendung aller möglichen als auch die erstmalige Verwendung neuer Daten belohnen. Die Zumutung, bestimmte oder gar neuentdeckte Informationen über Patienten zu verschweigen, schafft für den Freud-Forscher einen Normenkonflikt, der sich nach keiner der beiden Seiten glatt und eindeutig auflösen läßt.
Es gibt Beispiele genug, wo Untersuchungen über Analysanden Freuds fruchtbar waren. Sie betreffen fast allesamt die Objekte seiner Krankengeschichten und Miszellen, während in Briefen oft Leute erscheinen, die im gedruckten Werk keine individuelle Rolle spielen. Brief-Ausgaben, die Namen bieten (Freud und Ferenczi, 1992; ), machen keinen Unterschied zwischen beiden Gruppen; diese Praxis wird durch die bisherige Patientenforschung nicht gerechtfertigt. Im übrigen ist deren Ertrag nicht an die Namensnennung gebunden. Was wäre verloren gewesen, wenn Falzeder in seiner Studie über Frau H. (1994) ein Pseudonym gewählt; was gewonnen, wenn Fichtner und Hirschmüller (1985) den Nachnamen von Aurelie K. (Freuds »Katharina«) ausgeschrieben hätten? Nur die Forscher müssen die reale Identität kennen.
Es gehört zum Schicksal »großer Menschen«, daß Nachgeborene ihnen gegenüber ein Recht auf Schamlosigkeit beanspruchen, das auch ihre Krankheiten einschließt, weil sie zum Verständnis von Person und Werk beitragen können. Wie aufregend-anregend ist es zu erfahren, daß jener »Prof. F.« im Kreuzlinger Sanatorium, an dessen Schicksal Freud »Anteil« nimmt und dessen »scharfsinnige Arbeiten« er kennt (Freud und Binswanger, 1992, S. 175),
* Bei der Redaktion eingegangen
* Bei der Redaktion eingegangen