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Wurmser bringt in seinem Buch eine Fülle sorgfältiger Beobachtungen und detailliert abgeleiteter Interpretationen. Er stellt die Psychoanalyse in den weiten kulturellen Horizont, in den sie gehört. Und er liefert mit seiner Entsprechung von Komplementarität und Delo- und Theatophilie ein analytisches Konzept der Kommunikation, welches das dialogische Verständnis der Psychoanalyse weiterführt. Diese vielschichtige Leistung läßt sich auf begrenztem Raum nicht umfassend würdigen. Die folgende Besprechung konzentriert sich daher auf die philosophische Dimension des Werks.
Scham wurzelt nach Wurmser in denKonflikten des »Sehens und Gesehenwerdens«. »Sehen und Gesehenwerden« steht dabei für den menschlichen Austausch überhaupt, für das Wechselspiel von Wahrnehmung und Ausdruck, worin alle Sinnesqualitäten und Verhaltensweisen eine Rolle spielen können (Sprechen, Berühren, Riechen, Kinästhetisches, Auditives, Tak-tiles usw.). Zur Konzeptualisierung dieses Wechselspiels schlägt Wurmser in Erweiterung des Freudschen Triebkonzepts zwei neue »Partialtriebe« vor: Delophilie und Theatophilie. Theatophilie (theasthai = sehen, fasziniert sein, S. 257), will Eindrücke in sich aufnahmen. Delophilie (deloun = zeigen, ausdrücken) ist umgekehrt das Bedürfnis, »sich der Umgebung mitzuteilen, sich ihr mit Augen, Stimme und Mimik anzuvertrauen, und der Erwartung, auf solches Aussichher-ausgehen entsprechend freudige Antwort zu erhalten« (S. 383). Beide Bedürfnisse schaffen zusammen »die Einheit von liebender Interaktion durch Perzeption und Expression« (S. 260). In ihrem Wechselspiel bildet sich der Kern des Selbst. Das Gelingen dieses Austausches führt zu Glück, Selbstvertrauen und Freude. Sein Scheitern provoziert die Gefühle des Verachtetseins und der Nichtigkeit, d. h. der Scham.
Scham kann sich nicht nur mit dem Inhalt aller Triebebenen verbinden. Auch die Funktion des Austausches selbst kann stark konfliktbesetzt sein. So kann Sehen je nach begleitender Phantasie ein Eindringen in den