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Tempelhof/Berlin, Ringbahnstr. 3 den 2. Mai 1912
Hochverehrter Herr Professor!
Durch Herrn Sanitätsrat Dr. Koerber2 lernte ich vor einigen Monaten Ihre Schriften kennen, und da ich mich schon seit fünf Jahren gewissermaassen als Privatgelehrter mit Sexualproblemen beschäftigte, besonders mit der Inversion, so war Ihre Neurosenlehre für mich eine wahre Erleuchtung. Eine besonders günstige Gelegenheit hatte mir schon seit Langem die Möglichkeit gegeben, das Liebesleben invertierter Sozialkomplexe in einer Art zu studieren, die bisher in der Wissenschaft, soweit ich orientiert bin, noch keinen Boden hat finden können, aber an einer Stelle, nämlich dem neurotischen Einschlag kam ich nicht weiter, und erst Ihren Schriften habe ich die entscheidende Erkenntnis und die Fertigstellung einer seit Jahren vorbereiteten Studie zu verdanken.3 Ich werde an späterer Stelle dieses Briefes darauf zurückkommen.
Fürs erste gestatte ich mir, – gleichfalls auf den Rat von Herrn Dr. Koerber -, Ihnen einen Beitrag für »Imago« zu übersenden.4 Da Sie selbst sich vielfach mit der Analyse von Dichtwerken beschäftigt haben und das Programm der neugegründeten Zeitschrift ausdrücklich die Anwendung Ihrer Lehren auf alle Wissensgebiete betont, so glaube ich, dass mein Thema »Niels Lyhne von J. P. Jakobsen und das Problem der Bisexualität« Ihnen beachtenswert erscheinen wird. Ich möchte recht sehr darum bitten, den Aufsatz abzudrucken, da er nur für »Imago« geschrieben ist, nur in diese wissenschaftlichen Intentionen hineinpasst und im Falle der Ablehnung schlechterdings obdachlos wäre. Ich will hoffen, dass die Länge, die bei der Schwierigkeit der Aufgabe nicht zu vermeiden war, wenn sie als Nachteil empfunden wird, durch die Exactheit der Behandlung aufgewogen wird.
Nun zu der ersterwähnten Angelegenheit. Die Frage der Inversion wird