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Die Münchner Psychoanalytikerin Almuth Sellschopp und die Psychologin Beatrix Vogel wollen in ihrer sozialwissenschaftlichen Studie über Werte und Wertewandel in Deutschland »erfassen, was Menschen, die heute noch leben, zur Zeit des Nationalsozialismus gefühlt haben, durch welche Werte sie geprägt wurden und welche sie sich zu eigen gemacht haben und was die Motive ihrer Beteiligung am Nationalsozialismus, ihre Ängste und Schmerzen beim Zusammenbruch des Dritten Reiches gewesen sind, ja wie sie heute dazu stehen«. Mit dieser weitreichenden Fragestellung beanspruchen die beiden Forscherinnen, methodisch und thematisch Neuland zu betreten, das sie in der öffentlichen Auseinandersetzung wie in der Forschung noch immer durch Tabuisierungen und Schuldzuschreibungen verstellt sehen.
Mit drei zentralen Konzepten stecken Sellschopp und Vogel ihr Forschungsfeld ab. Das erste betrifft die Orientierung an Werten und Idealen, deren Entwicklung sie heuristisch als Bildung eines »Fokus oder Erfahrungskerns« beschreiben, um den herum sich kognitive, moralische und soziale Erfahrungen kristallisieren. Es handele sich um »früh erworbene Paradigmen« dafür, »wie ein Mensch als psy-chophysische Einheit überlebt« (S. 4). Im Rückgriff auf die Kohutsche Selbstpsychologie binden sie die Wertdimension an die fundamentale Ebene des Selbstwerterlebens: an das Gefühl, über ein kohärentes und kohäsives Selbst zu verfügen, das als unabhängiges Zentrum von Antrieben und Wahrnehmungen erlebt wird. Wenn demnach das Werterleben in so tiefe psychische Schichten der Person hinabreicht, muß der Verlust individueller wie kollektiver Werte und Ideale als psychische Katastrophe erfahren werden. Genau das ist den beiden Forscherinnen zufolge die Erfahrung der Generation der vor 1930 geborenen Deutschen: Sie sind als Jugendliche in der vom Nationalsozialismus geprägten »Wertewelt« aufgewachsen, deren Zusammenbruch sie 1945 erlebten. Mit dem Verlust der von den Nazis forcierten gruppenvermittelten Gemeinscha