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Zeit seines Lebens hat sich Thomas Mann gegen Enthüllungen seines Privatlebens zur Wehr gesetzt und die entsprechenden Publikationen als »elend verklatschte Pöbelbelustigung« zurückgewiesen. In seinen zwischen 1933 und 1955 niedergelegten Tagebüchern jedoch, an deren posthumer Veröffentlichung für ihn und seine Erben nie ein Zweifel bestand, scheint er der Verteidigung der Intimsphäre keinen besonders hohen Rang einräumen, mehr noch: die Entblößung der gequälten Seele und des hinfälligen Leibes auf die Spitze treiben zu wollen. Neben dem notorischen, in den vorangegangenen neun Bänden bereits hinlänglich abgehandelten »Rektaljucken« findet sich eine penible Auflistung von Gebrechen, die dem schöngeistig motivierten Leser, der in der Regel kein Gerontologe ist, neben einem langen Atem ein Übermaß an Geduld abnötigen. Ein Tag im späten Leben des Nobelpreisträgers beginnt mit einer »Heimsuchung durch Voll-Erektion«; das Frühstück wird durch das »peinliche Steckenbleiben von Speise im Schlund (gerösteter Speck)« und »drückende Zahnprothesen« beeinträchtigt; der Blick in den Badezimmerspiegel enthüllt eine »exzematöse«, durch den »Gebrauch von Nivea« zu lindernde »Gesichtsschwellung«; die Nachmittagsruhe ist unerquicklich, weil flankiert von »schweren Constipationen, überstarken Darmwinden« sowie »Gemütsleiden« und so fort. Anläßlich der Präsentation in der Frankfurter Paulskirche verhängte Joachim Kaiser, ein getreuer Eckart der Thomas-Mann-Gemeinde, über den letzten Band der Tagebücher ein interpretatorisches Transzendenzgebot, dem zufolge die zwanglose diarische Verknüpfung der Mannschen Harninkontinenz mit einer Audienz bei der Königin der Niederlande der »Spannweite einer Wahrnehmungssubjektivität« zuzuordnen sei, »die immer unmittelbar erregende Eindrücke zu ihrer Grundlage hat, sie aber nur verwandelt in das literarische Werk eingehen läßt«. Dieser freundlich empfohlenen Verflüchtigung des »niederen« exhibitionistischen Exzesses im »hohen« ästhetischen Ziel steht