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Nach fast zehnjähriger Unterbrechung ist wieder ein Seminar Lacans in deutscher Übersetzung erschienen, das 1959/60 gehalten wurde. Wer einen Beitrag zu einer eng umgrenzten psychoanalytischen Themenstellung erwartet, etwa zur Technik, wird überrascht, vielleicht enttäuscht sein über die weitverzweigte, komplexe Anlage des Seminartextes. Das gilt auch für die Bezugsquellen des Textes. Philosophisch reichen sie von Aristoteles über Kant und Bentham bis Heidegger; literarisch von Sophokles über die Minnelyrik bis zum Marquis de Sade. Die Referenzen auf Freud betreffen nahezu dessen gesamtes Werk. Sie beginnen beim Briefwechsel mit Fließ über Totem und Tabu, Jenseits des Lustprinzips und reichen bis zu Das Unbehagen in der Kultur. Der beeindruckende Umfang der verwendeten Textquellen ist als Ausdruck des Anliegens zu werten, einer Fragestellung auf grundlegende und dabei neue Weise den Weg zu bahnen. Lacan entfaltet sie von Beginn an in mindestens zwei Richtungen. 1. Eine theoretische Reflexion: Kann die Psychoanalyse einen essentiellen Beitrag zu einer universalistischen Ethik liefern? Das ambitionierte Ziel hierbei ist, eine Revision der Ethik voranzutreiben, unter der Maßgabe des Verhältnisses, in dem das Handeln zum Begehren steht. 2. Eine Praxisreflexion: hat die Psychoanalyse als Heilverfahren, als Kur ethische Grundlagen?
Gleich in der programmatischen ersten Sitzung weist Lacan auf drei »analytische Ideale« hin (S. 15f.):
die Idee vollendeter Liebe, die als Ideal der Genitalität Gestalt angenommen hat;
die Echtheit;
die Unabhängigkeit bzw. die Prophylaxe der Abhängigkeit.
Lacan deckt die Problematik und Fragwürdigkeit dieser Ideale auf und wertet sie als Ausdruck der »allgemeinen Neigung, die paradoxen Ursprünge des Begehrens, den polymorphperversen Charakter seiner infantilen Formen einzuebnen, um ihre Konvergenz auf ein harmonisches Ende hin aufzuzeigen« (S. 11).
Es bleibt die Frage nach dem Glück als analytischem Ideal und Behandlungsziel. Hier macht Lacan den Fre