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Spektakuläre Sexualstraftaten werden von den Medien weidlich ausgeschlachtet. Bei allem Elend, von dem sie berichten: Der kommerzielle Zug daran ist nicht zu übersehen. Besonders wohlfeil ist neben der Forderung nach schärferen Strafen der Ruf nach »Therapie«. Anführungszeichen sind angebracht, weil der Begriff inflationär und problemvernebelnd benutzt wird. Schon seit längerem wird — vor allem von feministischer Seite, von Betroffenen und professionellen Helfern — der sexuelle Mißbrauch von Kindern thematisiert, der bislang ein gesellschaftliches Tabu gewesen zu sein scheint. Es ist ein unbehagliches, dramatisches gesellschaftliches Klima der Unsicherheit entstanden: Sind weitaus mehr Männer als bislang angenommen nicht nur latent, sondern manifest Vergewaltiger und Kinderschänder? Werden immer mehr Eltern durch sexuellen Mißbrauch zu Kinderverderbern?
Die Psychoanalyse kommt in diesem Diskurs — soweit ich das überblikken kann — hinsichtlich der Bedingungen, Ursachen und Folgen solcher Taten kaum vor. Allenfalls heißt es krude, die Opfer seien traumatisiert und die Täter meist selbst sexuell mißbrauchte Kinder gewesen. Auch im Hinblick auf therapeutische Möglichkeiten und Konzepte ist die Psychoanalyse wenig präsent.
Daß die Psychoanalyse hier als wissenschaftlich erklärende, beratende und helfende Institution so wenig wahrgenommen wird, liegt m. E. nicht nur an gesellschaftlicher Ignoranz, am widrigen biologistischen, ökonomistischen oder eklektischen »Zeitgeist«, also »gesellschaftlicher Abwehr«, sondern auch an der Abstinenz der organisierten Psychoanalyse in diesen und anderen Bereichen, an der eigenen institutionellen Abwehr. Ich sehe eine geringe Präsenz verstehender und angewandter Psychoanalyse nicht nur im gesellschaftlich immer relevanter und brisanter werdenden Bereich von hochauffälliger Randgruppen-Dissozia-lität und Jugendgewalt, sexualisierter Gewalt und strafbarer Perversion,