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Die beiden Textinterpretationen, die Olga und Thomas Nesseler in diesem Buch vorlegen, wollen nicht nur zu einem besseren Verständnis der »Tiefenstruktur« der Werke — Schillers Don Carlos und Goethes Wilhelm Meisters Wanderjahre - beitragen. Zwar tun sie das auch, indem sie die ödipalen und narzißtischen Phantasien, die beiden Werken zugrunde liegen, analytisch zu rekonstruieren versuchen. Aber das eigentliche Erkenntnisinteresse ist psychobiographischer und produktionsästhetischer Art: Es geht den Autoren um die Beantwortung der Frage nach der jeweiligen lebenspraktischen Funktion des literarischen Schreibens, um die Bedeutung des kreativen Prozesses für den psychischen Haushalt, ja für das psychische Überleben der beiden großen Klassiker der deutschen Literatur. Daß Schriftsteller ihre Lebenskrisen durch künstlerische Gestaltung zu meistern versuchen, daß sie schöpferisch gestaltend auf Umbruchsituationen in ihrem Lebenslauf reagieren, darf als allgemein akzeptierte Einsicht gelten. Es ist das Verdienst der Nesselers, daß sie diese intuitive Einsicht in äußerst detaillierten Textanalysen, ergänzt durch psychobiographische Untersuchungen, an zwei »klassischen« Modellfällen wissenschaftlich begründet und psychoanalytisch ausgearbeitet haben.
Der etwas rätselhafte Titel des Buches wird erst am Ende erklärt. Beide Dichter bewegen sich in ihrer Kreativität »auf des Messers Schneide«, indem sie einerseits sich ihrer Lebenssituation