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Schon Sigmund Freud hat sich eingehend mit der Literatur auseinandergesetzt. Er verfolgte die zeitgenössische Literatur mit Aufmerksamkeit und stand mit einigen großen Schriftstellern seiner Zeit im Briefverkehr. Freud hatte selbst dichterische Ambitionen. Irritiert stellte der an Lokaldiagnosen und Elektroprognostik geschulte Gründer der Psychoanalyse einmal fest, daß sich seine Krankengeschichten über die Hysterikerinnen »wie Novellen« lesen. Freuds Liebe zur Literatur mündete in eine für alle Analytikergenerationen maßgebliche Mahnung: »Kulturgeschichte, Mythologie, Religionspsychologie und Literaturwissenschaft. Ohne eine gute Orientierung auf diesen Gebieten steht der Analytiker einem großen Teil seines Materials verständnislos gegenüber.«
In eben dieser Tradition steht ein Literaturseminar, welches am Berliner Karl-Abraham-Institut im Rahmen der psychoanalytischen Fortbildung durchgeführt wird. Anläßlich des dreißigjährigen Jubiläums hat die Psychoanalytikerin Gisela Greve unter dem Titel Kunstbetrachtung eine Sammlung von Interpretationen aus diesem Seminar herausgegeben. Der Band enthält Betrachtungen u. a. über Goethes »Erlkönig«, Mörikes »Um Mitternacht«, Flauberts Madame Bovary, Büchners Lenz, Theodor Storms Schimmelreiter, Camus' Der Fremde. Aber nicht nur die Literatur gerät in den psychoanalytischen Blick. So gibt es auch Annäherungen an Musik und Malerei: Konrad Hößlers interpretiert luzide Schuberts »Winterreise«, und