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Obwohl die Psychoanalyse ihr Augenmerk vorrangig auf den Schmerz, das Leiden des Menschen richtet, beschreibt Freud in seiner Leonardo-Studie eine Idylle: die Idylle einer durch keinerlei väterliche Einschüchterungsversuche getrübten frühen Mutter-Sohn-Beziehung. Der Leonardo-Studie Freuds stellt Reemtsma die ein halbes Jahrhundert später entstandene Leonardo-Interpretation K. R. Eisslers zur Seite. Auch wenn Eissler mit seiner Studie zunächst seine theoretische Treue Freud gegenüber habe unter Beweis stellen wollen, sei er zu einer gegenteiligen Schlußfolgerung gelangt, derzufolge Leonardo, von phobischen Ängsten und Konflikten gepeinigt, sich ständig an der Grenze zur psychischen Dekompensation bewegt habe. Nach einer philologischen Analyse der Gliederungsschwächen, Widersprüche, Auslassungen und Schwankungen in der Intensität stilistischer Mittel, die der Literaturwissenschaftler Reemtsma in Eisslers Leonardo-Buch entdeckt, vermutet der Autor, daß diese stilistische Inkonsistenz mit Eisslers — indirekt und unterschwellig einfließender — hypothetischer Annahme einer Vergewaltigung des kleinen Leonardo durch seinen Vater im Sinne einer erzwungenen Fellatio in Zusammenhang zu bringen sei.