You do not currently have permission to view the full text for this document. Please sign in to an account with an active subscription or contact support.
Die Einführung des Gender-Begriffs in die Geschlechter- und Sexualitätsdebatte diente ursprünglich dazu, das, was im Begriff des Sex unterzugehen droht — seine soziale und psychische Konnotierung —, semantisch zum Vorschein zu bringen: Gender lebt von der Kraft, mit der es sich vom Sex abstößt. Die Kraft dieser Abstoßung ist inzwischen in Vergessenheit geraten; geredet wird nur noch vom sexgereinigten Gender, und zwar im Sinne einer wissenschaftlichen und politischen Hauptmetapher. Reiche zeichnet die Entwicklung der Gender-Debatte bis hin zu ihrer völligen Loslösung von allen essentialistischen und materiellen Referenzen und Gehalten (die der Sex impliziert) im Werk von Judith Butler nach, in welchem alles und jedes »Konstruktion« ist — bis auf das Hetero, das eins ist mit der Ubiquität sozialer Macht im Sinne Foucaults. Demgegenüber beharrt Reiche darauf, daß Freuds Konzept der konstitutionellen Bisexualität an seinen Rändern offen genug ist, den Boden einer deterministischen Biologie zu verlassen und der Konstruiertheit des Geschlechts Genüge zu tun. Den Sieg von Gender über Sex deutet der Autor als ein Zeitzeichen, in dem sich der Wunsch nach einer konfliktfreien Sexualität verdichtet — auf Kosten der Verdrängung der Sexualität.