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In den letzten 20 Jahren hat das Interesse am Affekt der Scham, an den damit verbundenen Charakterzügen und Konflikten, den zugrunde liegenden unbewußten, psychodynamisch relevanten Verbindungen, den kulturellen und philosophischen Bezügen und schließlich den praktischen Folgerungen daraus für die psychotherapeutische Behandlung erheblich zugenommen. Dies wird von einer ständig wachsenden Reihe wichtiger Bücher bezeugt, aus denen ich vor allem die auswähle, die mir im Laufe des letzten Jahres () zugeschickt wurden und die mir besonders lesenswert und informativ erscheinen.
Eine sehr gute Übersicht über die neuere Literatur zu diesem Thema und die damit verbundenen Einsichten aus der Säuglingsforschung findet sich im Buch von Micha Hilgers, einem in Aachen psychoanalytisch (individualpsy-chologischer Orientierung) und psychotherapeutisch vor allem mit schwerkranken, z. T. psychotischen oder asozialen Patienten arbeitenden Forscher. Seine Erfahrungen, die Hilgers in lesbarer, oft spannender und immer einleuchtender Weise darlegt, beziehen sich nicht nur auf Einzeltherapien, sondern häufig auch auf die Arbeit in Gruppen, die Interaktion zwischen hospitalisierten bzw. institutionalisierten Patienten und dem Behandlungspersonal sowie auf Familiendynamik, wobei »narzißtische« Probleme von Stolz und Scham, von Kränkbarkeit und gegenseitiger Kränkung und die durchgängige Komplementarität von Trauma und Konflikt besondere Beachtung finden.
Entwicklungsmäßig sind Hilgers zufolge »Scham und Stolz …im eigentlichen Sinn Affekte des wachsenden und sich abgrenzenden Selbst« (S. 19). Er spezifiziert dies in übersichtlicher und umfassender Weise: »Zu der Gruppe der Schamaffekte zählen Schamempfindungen, die bei abbrechenden Kompetenzerfahrungen entstehen (Kompetenzscham); Scham, die bei Verletzung der Selbst- und Intimitätsgrenzen wirksam wird, also bei Übergriffen aller Art; damit zusammenhängend, jedoch entwicklungspsychologisch später, Scham, die bei aktiver Demütigung von außen er