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Freuds Leonardo-Studie, die Urschrift der Psychobiographik, zieht einen Schweif von Sekundärliteratur hinter sich her — klarer Beleg für ihren klassischen Status. Kritiker hatten es gar zu leicht mit ihr, denn sie leidet an zwei Irrtümern, die man Freud allerdings kaum ankreiden kann: der »Geier« war ein Rotmilan, und der kleine Leonardo wuchs gewiß nicht lange allein bei seiner ledigen Mutter auf. Diese wirklichen und einige vermeintliche Mängel wurden u.a. 1956 von dem Kunsthistoriker Meyer Schapiro bloßgestellt, dessen machtvoller Angriff eine starke Entgegnung von Kurt R. Eissler hervorrief. Eisslers Buch liegt seit 1992 auch auf deutsch vor (ein wildlebendiges work in progress eingesargt in einen Prachtband). So hat die psychobiographische Debatte um Leonardo bei uns eine verspätete Aktualität gewonnen.
Bradley I. Collins, ein New Yorker Kunsthistoriker, mit Eissler und anderen Analytikern ebenso im Gespräch wie mit freud-kritischen Fachkollegen, läßt diese Debatte in seinem Buch Revue passieren. Er teilt sie in vier Abschnitte - Freud, Eissler/Schapiro, diverse Neuere sowie aus den 90er Jahren Jean-Pierre Maïdani-Gérard und André Green -, die er historisch fortschreitend je für sich behandelt. Das führt zu einzelnen Wiederholungen oder zu seltsamen Effekten, wenn etwa der »Geier« zunächst wirklich als solcher erscheint, sorgt aber für eine schöne Gerechtigkeit und Gelassenheit gegenüber den Texten.
Man muß gleich vermerken, daß Collins gegen den Strom der Zeit schwimmt. Heute wird Freuds Leonardo-Studie in der Regel nicht als Beitrag zur Kunstgeschichte oder zu Fragen der Kreativität gelesen, sondern im Blick auf Freud selbst. Collins hingegen bleibt auf der ursprünglichen Sach-Ebene. Davon profitiert auch Eisslers Leonardo-Buch, das jüngst von Reemtsma ebenfalls auf die Motivlage des Autors hin betrachtet wurde (wobei eine bessere Philologie kein Schaden gewesen wäre: die Eigenheiten, auf die sich Reemtsma stützt, gelten für Eisslers Schreiben überhaupt und nic