You do not currently have permission to view the full text for this document. Please sign in to an account with an active subscription or contact support.
Daß die Psychoanalyse eine hermeneutische Wissenschaft sei, ist inzwischen fast ein Gemeinplatz. Wie allerdings dieses Attribut im Zusammenhang mit Wissenschaft und im Hinblick auf die Psychoanalyse zu verstehen sei, darüber herrschen sowohl Uneinigkeit als auch Unklarheit. Nicht nur, daß der Psychoanalyse dieses Attribut unter Hinweis auf den angeblich authentischen - antihermeneutischen - Gehalt der Freudschen Methode bestritten wird (vgl. den Beitrag von Laplanche). Nicht nur, daß ihr von neopositivistischer Seite der Wissenschaftscharakter abgesprochen wird, falls sie auf diesem Attribut beharre (so zuletzt Grünbaum, vgl. die Antikritik von Kettner): fraglich bleibt, was unter dem Begriff Hermeneutik in bezug auf Psychoanalyse zu verstehen sei. Wird damit die Grundlegung in einer philosophischen Hermeneutik sensu Gadamer gesucht? Oder soll damit nur der bereits von Freud energisch herausgestrichenen Tatsache Rechnung getragen werden, daß psychoanalytisches Handeln Sprachhandeln ist (vgl. den Beitrag von Raguse)? Wie steht es dann aber mit jenen Teilen des psychoanalytischen Theoriecorpus, in denen explanatorische Ansprüche und die Formulierung nomologischen Wissens vertreten werden und möglicherweise vertreten werden müssen?
Nach wie vor ist der Versuch der Begründung der Psychoanalyse als »Tie-fenhermeneutik«, wie Lorenzer und Habermas ihn zunächst in engster Wechselwirkung, schließlich aber mit erheblicher Abweichung voneinander in der zweiten Hälfte der 60er und in den 70er Jahren betrieben haben, für neuere Vorschläge ein Maßstab. Habermas stilisierte im Zuge des Versuchs, das Projekt der kritischen Theorie auf den neuesten Stand zu bringen, die Psychoanalyse zu einem wissenschaftlichen Paradigma, das bisher als einziges methodisch Selbstreflexion in Anspruch nehmen könne (Erkenntnis und Interesse, ). Anderslautende Erkenntnisintentionen, zumal solche quasi naturwissenschaftlicher Art, wurden als »szientistisches Selbstmißverständnis der Psychoanalyse« gebran