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Nach Schätzungen der Historiker sind im Zuge des Rassenkrieges der Nationalsozialisten 1,2 Millionen jüdische Kinder und Jugendliche planmäßig ermordet worden. Es bedurfte 50 Jahre zeitlicher Distanz, bis einige der Überlebenden ihren Erinnerungen einen öffentlichen Ausdruck geben konnten. Das Bemerkenswerte ist nun, daß sie dabei entgegen aller Historisierungsideologie auf ein enormes Interesse gestoßen sind, wie die Resonanz auf Ruth Klügers Überlebensbericht aus Wien und Auschwitz, weiter leben, zeigt. Mit Binjamin Wilkomirskis Bruchstücke - Aus einer Kindheit 1939-1948 liegt eines der wichtigen Bücher vor, in welchen eine früheste Kinderzeit im Konzentrationslager erinnert wird. Stationen der Erinnerung sind: das Konzentrationslager Maydanek, später dann, nach 1945, ein Waisenhaus in Krakau und schließlich bei den Pflegeeltern in der Schweiz.
Binjamin Wilkomirski zeichnet das Bild seiner Kindheit mit groben Strichen und feinen Linien. Er erzählt nicht aus der Perspektive eines drei-, dann vier-, dann fünfjährigen Jungen, sondern diese frühe Kindheit kommt hier selbst noch einmal zu Worte. Dem Kind entging nichts: alles, alles sehen diese kleinen Kinderaugen. Und alles muß erinnert werden. Keine Kindheitsamnesie schenkt die Gnade des Vergessens.
Die gewählte Zeitspanne der Erinnerungen, 1939-1948, läßt aufhorchen. Die Befreiung 1945, von der Wilkomirski einmal resümiert, daß er sie ver paßt habe, bedeutet, ähnlich wie in Ruth Klügers Buch, weiter leben, kein Ende des Schreckens.
Der Titel des Buches Bruchstücke wird der Sperrigkeit der mitgeteilten Erfahrungen gerecht, die sich zu der schmerzhaften Formel verdichten: »Es ist der Ort, wo diese Welt aufhört, diese Welt zu sein«. Doch meint Wil- komirski mit dieser Todeslandschaft nicht allein die Konzentrationslager, sondern ebenso, ja geradezu, die Welt jenseits davon - »von der die älteren Kinder berichtet haben, daß sie untergegangen sei«. Weil es der Ort ist, wohin seine Brüder deportiert wurden, wohin er ihnen fo