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Warum eine Besprechung dieser biographischen Erzählung in der Psyche? Hier erschien 1990 Dierks' Aufsatz »Der Wahn und die Träume in Der Tod in Venedig. Thomas Manns folgenreiche Freud-Lektüre im Jahr 1911« (Jg. 44, S. 240-268). Der Oldenburger Germanist Dierks veröffentlichte darin seine Entdeckung der frappanten Strukturanalogien zwischen Jensens Novelle Gradiva und Freuds Interpretation dieser Erzählung einerseits und Manns venezianischer Geschichte andererseits. Die Analogie besteht im Motiv der Wiederkehr des Verdrängten, das der junge Mann schon in Der kleine Herr Friedemann (1897) als Motiv der »Heimsuchung« gestaltet und sich damals noch im Sinne Nietzsches als Durchbruch des Dionysischen in einem Leben apollinischer Selbstbeherrschung und Selbstbescheidung erklärt hatte. Nun aber konnte er, sozusagen mit psychoanalytischer Rückendeckung, in breiterer Orchestrierung darauf zurückgreifen. Dierks machte als erster den Einfluß der Freudschen Gradiva-Analyse auf die Entstehung der Novelle und damit auf die Überwindung einer Schaffenskrise mit einem genauen Textvergleich, einer Konkordanz einzelner Stellen, sehr plausibel. Er zeigte mit dem Nachweis gleicher oder ähnlicher Formulierungen, wie Freuds erste selbständige Literaturanalyse wieder zu Literatur geworden war. Er stellte dies damals als gesicherte Tatsache dar, ohne allerdings die Frage, warum Mann gerade diesen so entscheidenden Einfluß denn so konsequent verschwiegen hat - im Gegensatz zu seiner sonstigen Gepflogenheit, seine Quellen und Vorlagen irgendwann doch zu verraten -, befriedigend beantworten zu können. So mußte sein Fund letztlich eine interessante Hypothese bleiben.
Am Rande vermerkte er dort auch die Tatsache, daß der Mann-Forschung nichts von einer Beziehung zwischen dem damals sehr bekannten und produktiven Autor der Gradiva, Wilhelm Jensen (1837-1911), und Thomas Mann bekannt ist, obwohl beide dasselbe Lübecker Gymnasium besuchten und sich in der literarischen Welt Münchens um die Jahrhund