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Als Urbuch der Psychoanalyse hat man die Studien über Hysterie, das Gemeinschaftswerk Joseph Breuers und Sigmund Freuds, ein Jahrhundert nach ihrem Erscheinen (1895) gefeiert. Die Urlüge der Psychoanalyse zu demontieren, versucht jetzt ein Pamphlet des Psychoanalyse-Historikers Mikkel Borch-Jacobsen. Das gründlich recherchierte, aber »cum ira et studio« urteilende Buch hat in Frankreich Furore gemacht. Es wird auch hierzulande provozieren.
Die schon seit längerem umstrittene Krankengeschichte von Breuers Patientin Anna O. (= Bertha Pappenheim), die wichtigste der Studien, steht auch bei Borch-Jacobsen im Mittelpunkt. Anna O. gilt als die eigentliche Entdeckerin der »kathartischen Methode«, seelische Traumatisierungen redend so zu aktualisieren, daß die Symptome (bei Anna O. Lähmungen, Empfindungs-, Seh- und Sprachstörungen) gleichsam »wegerzählt« werden konnten. Ein im Kern psycho-homöopathisches Konzept, das die Sprache, an die um die Jahrhundertwende sonst weder die Dichter noch die Philosophen mehr glaubten, als Königsweg der Therapie nutzte. Die Worte sind (fast) alles, die »Sachen selbst« werden durch sie Schall und Rauch. Die Revolutionierung der psychiatrischen Beziehung, die Patientenzentriertheit der Therapie, die Selbstbe-scheidung des Arztes auf die Rolle eines in »gleichschwebender Aufmerksamkeit« konzentrierten Zuhörers, eines Virtuosen der Rezeptivität, ging damit einher. Außerdem hatte Anna O. mit der Metapher des »chimney sweeping« eine so witzige wie plastische Metapher für die entstehende Psychoanalyse gefunden, mit dem Begriff der »talking cure« ihr eigentliches Markenzeichen. Ihrem Arzt hatte sie überdies allem Anschein nach den Gefallen getan, sich nach der Kur »vollständiger Gesundheit« zu erfreuen. Last, but not least, hatte sie die sexuelle Ätiologie ihrer Hysterie so dankenswert deutlich erkennen lassen, daß der von seiner Patientin faszinierte Breuer sein Heil in der Flucht suchen mußte, Freud aber den Schlüssel zu den Müttern aufnehmen konn