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Mit der 1994 erschienenen Aufsatz-sammlung Die neuen Leiden der Seele, die 14 Beiträge aus den Jahren 1979-1992 umfaßt, stellt sich Julia Kristeva dem deutschsprachigen Leser, dem sie bislang vor allem als Sprach- und Literaturwissenschaftlerin bekannt war, als Psychoanalytikerin vor. Der klinischen Arbeit ist der erste Teil des Bandes (Psychoanalyse) gewidmet. Er enthält unter verschiedenen psychopathologischen und behandlungstechnischen Fragestellungen ausführliche Krankengeschichten. Der zweite Teil des Buches (Geschichte) enthält psychoanalytisch orientierte Kulturanalysen aus den Bereichen Religions-, Literaturwissenschaft und Feminismus. Wer allerdings seine Erwartungen am Titel des Buches orientiert und psychoanalytische Zeitdiagnostik erwartet, könnte enttäuscht werden. Einer solchen Erwartung werden im engeren Sinne nur die beiden ersten Aufsätze gerecht. Dort stellt die Autorin die Frage, welche Bedeutung die Psychoanalyse »in Zeiten eines spektakulären Rückgangs des Innenlebens« (noch) besitzt. Diesen Rückgang bringt Kristeva mit kulturellen und sozialen Veränderungen in Verbindung. Sie hebt die wachsende Bedeutung der Neurochemie und die Bilderflut der Medien hervor, die beide auf je eigene Weise das psychische Leben zersetzen und ersetzen.
Entsprechend sei in der klinischen Praxis die Zunahme »neuer Krankheitsbilder« gegenüber den klassischen Übertragungsneurosen zu beobachten. Ohne vertiefende Auseinandersetzung mit den maßgebenden psychoanalytischen Arbeiten auf dem Gebiet