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In den reichen Gesellschaften des Westens wird die gesellschaftliche Sexualform seit zwei Jahrzehnten so einschneidend transformiert, daß Sigusch von einer »neosexuellen Revolution« spricht. Deren Auswirkungen sind möglicherweise gravierender als die der »sexuellen Revolution« der sechziger und siebziger Jahre. Die neosexuelle Revolution zerlegt die alte Einheit Sexualität und setzt sie neu zusammen. Dadurch treten Dimensionen, Intimbeziehungen und Sexualfragmente hervor, die bisher verschüttet waren oder gar nicht existierten. Insgesamt verlor die Sexualform an symbolischer Bedeutung. Heute ist Sexualität nicht mehr die große Metapher der Lust und des Glücks. Während die alte Sexualität positiv mystifiziert wurde als Medium der Befreiung, als Rausch und Ekstase, wird die neue negativ mystifiziert als Ungleichheit der Geschlechter, als Mißbrauch, Gewalt und tödliche Infektion. Während für die »Paläosexualität« Trieb, Orgasmus und die Liebe des heterosexuellen Paares kennzeichnend waren, bestehen die »Neosexualitäten« vor allem aus Geschlechterdifferenz, Selbstliebe, Thrills und Prothetisierungen. Aus der Unzahl der miteinander vernetzten Prozesse, die Neosexualitäten hervorbringen, werden drei herausgegriffen: die Dissoziation der sexuellen Sphäre, die Dispersion der sexuellen Fragmente und die Diversifikation der Beziehungsformen. Diese Prozesse gehen mit einer Kommerzialisierung der Sexualität einher. Das mit den allgemeinen Objektiven und Strategien konforme Resultat der neosexuellen Revolution nennt Sigusch »Self-sex«, eine Sexualform, für die Selbstdisziplinierung und Selbstoptimierung charakteristisch sind.