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Die psychoanalytische Correctness wäre heute schnell fertig mit einer wie Karen Horney. Bei ihr von einer »libertären Sexualpraxis« zu sprechen kommt eher einer Untertreibung gleich. Und auch das Etikett »Donjuanismus« scheint noch etwas zu nobel, abgesehen davon, daß es eine männliche Leihgabe ist. Wenn eine berühmte Lehranalytikerin nicht nur mit ihren Kollegen und Freunden, sondern auch Patienten, Lehranalysanden und Supervisionsabhängigen schläft, ist doch »sexueller Mißbrauch« der allein richtige Name.
In der Tat: Daran wäre heute nichts zu deuteln. Karen Horney hat sich Freiheiten herausgenommen, die sich inzwischen nicht einmal mehr ein Mann herausnehmen darf. Wenn das kein Skandal ist. Auch sonst war sie ein zwiespältiger Charakter, wie selbst ihr sympathisierender Biograph Bernard J. Paris nicht verhehlt: grandios und miserabel, anlehnungsbedürftig und herrschsüchtig, rebellisch und autoritär, offenherzig und intrigant. Paris tut gut daran, keine unmögliche Objektivität für seine unheldische Heldin in Anspruch zu nehmen. Allerdings rühmt er zu Recht ihren größten Vorzug: die bemerkenswerte Ehrlichkeit ihrer Selbstanalysen. Der Zusammenhang zwischen Leben und Werk ist immer spürbar.