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Ausgangspunkt des Buches von May-Tolzmann ist die Unterscheidung zwischen Freuds Metapsychologie und klinischer Theorie, die von David Rapaport berühmt gemacht und von Autoren wie George S. Klein und Robert R. Holt weitergeführt wurde. Während die Metapsychologie auch historisch gründlich untersucht ist, wurde die Frage, wann Freud seine klinische Theorie zu entwickeln begann, bisher kaum ins Auge gefaßt. May-Tolzmann stellt sie ins Zentrum ihrer Arbeit. Sie zeigt, welche Gestalt die klinische Theorie bereits in den Jahren 1894-1896 gewann, und rekonstruiert das wissenschaftliche Umfeld der zeitgenössischen Neuropathologie und Psychiatrie. Das konzise, sehr klar geschriebene Buch, das Werk einer praktizierenden Psychoanalytikerin, ist in sechs Kapitel eingeteilt, auf die ich im folgenden eingehe.
In ihrer Verwendung des Begriffs »klinische Theorie« (Freud selbst sprach von der »Lehre von den Neurosen« o. ä.) lehnt sich die Autorin an Waelder an, der darunter »die geordnete Gesamtheit von Freuds »Funden«« versteht, »d. h. aller »Beobachtungen« der inneren und äußeren Realität, die die Psychoanalyse konstituieren« (S. 13). Sie weist nach, wie die frühe klinische Theorie in der bisherigen Freud-Forschung zugunsten einer Entwicklungsgeschichte der Metapsychologie vernachlässigt wurde. So blieb weitgehend unerkannt, daß sich die betreffenden Konzepte, die Freud um 1895 ausbildete, zu einer kohärenten Theorie zusammenfügten. Diese Lücke wird von May-Tolzmann gefüllt, wobei sie sich nur auf wenige Vorarbeiten wie die von Levin (1978) und Schröter (1988) stützen kann.
Im 2. Kapitel zeichnet sie die Umrisse von Freuds früher klinischer Theorie nach. Alle Arbeiten — so ihre einleuchtende These -, die Freud von 1894 bis 1896 veröffentlichte, dienen der Entfaltung dieser Theorie. Zentrale Prinzipien der Theoriebildung waren die spezifische Ätiologie und Dynamik, aufgrund deren Freud im ständigen Quervergleich eine Reihe klinischer Bilder zu bestimmen und nosologisch zu ordnen ver