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Traditionell wird unter Narzißmus Selbstliebe und Ich-Bezogenheit verstanden, triebtheoretisch formuliert: die libidinöse Besetzung des Selbst. Diese Lesart eines zentralen psychoanalytischen — und inzwischen auch umgangssprachlichen — Begriffs wird vom Autor in Zweifel gezogen; er schlägt statt dessen eine intersubjektive Definition vor. Der Narzißmus entsteht im Spiegel des Objekts; die narzißtische Störung ist ein unbewußter »Kampf um Anerkennung« (Hegel). Ein an Winnicott orientiertes Modell der intersubjektiven Genese des Selbst, von Bollas und Ogden weiterentwickelt, bildet die Grundlage dieses interdisziplinär orientierten Ansatzes, der Freuds Definition vom Narzißmus als Geliebt-werden, die Entwicklungstheorie der Säuglingsforschung (Stern), das symbolisch-interaktionistische Konzept der Perspektivenübernahme (Mead) und die sozialphilosophische Anerkennungstheorie (Honneth, Benjamin) miteinander verbindet. Erst unter dem Paradigma der Intersubjektivität, so lautet die These, lassen sich die notorischen Widersprüche des psychoanalytischen Narzißmus-Begriffs auflösen.