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Neuere empirische Studien scheinen ein Abnehmen antisemitischer Einstellungen in Deutschland zu belegen, und dennoch bezog die Debatte, die sich an der Friedenspreisrede des Schriftstellers Martin Walser entzündete, ihre Heftigkeit nicht zuletzt aus ihren antisemitischen Assoziationen, obwohl doch Walser nirgends einem offenen Antisemitismus das Wort redet. In eingehender Lektüre interpretiert die Autorin die Walser-Rede als Versuch, die historische Schuld aus dem kollektiven Bewußtsein der Deutschen zu entfernen, und begreift Walsers Publikumserfolg als Konsequenz dieser Entlastungsrhetorik. Eine Anwendung der Überlegungen Georg Simmels über den Fremden auf das Gespräch zwischen Walser und Ignatz Bubis markiert schließlich die Eigentümlichkeiten der Rede Walsers: Die Verschiebung der Perspektive von der Schuld zu den Beschuldigten grenzt die Opfer aus. Sie soll eine Überlegenheit etablieren, die aggressiven Impulsen Raum läßt, aber Einfühlung verhindert. Walser rückt daher — entgegen allen Beteuerungen — doch an die Seite von Antisemiten.