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Die vom englischen Psychoanalytiker John Bowlby begründete Bindungstheorie erfreut sich in jüngster Zeit zunehmender Aufmerksamkeit von seiten der Psychoanalyse (vgl. PSYCHE, 1998, H. 4). Lange Zeit war das anders. Bowlby, der 1951 mit seiner für die Weltgesundheitsorganisation verfaßten Monographie über Mütterliche Zuwendung und geistige Gesundheit über Nacht berühmt geworden war, wurde in der Folgezeit, insbesondere seit Beginn der Ausarbeitung einer eigenen Theorie und deren Weiterentwicklung zwischen 1957 und 1985, persona non grata in der Britischen Psychoanalytischen Gesellschaft. Seine Revision der Triebtheorie, seine Kritik der Metapsychologie, die er in der damaligen Form für hoffnungslos veraltet hielt, sein Desinteresse an der Psychosexualität und am Ödipuskomplex, seine Favorisierung der Realität im Unterschied zur Phantasie bei der Genese seelischer Störungen sowie sein kompromißloses Beharren auf wissenschaftlicher Überprüfbarkeit von Aussagen über das menschliche Seelenleben unter Akzeptierung der Standards der akademischen Psychologie — all das paßte nicht zu den damaligen psychoanalytischen Vorlieben; es war ungewohnt, unbequem und manchmal provokativ. Entsprechend erntete er Spott und manchmal auch Verachtung. »What is the use of psychoanalyzing a goose?«, diese Frage von Hanna Segal deutet die Atmosphäre an, in der Bowlbys Ideen diskutiert wurden. James Grotstein, ein amerikanischer zeitgenössischer Kleinianer, hat die Behandlung Bowlbys durch seine Kollegen im Rückblick zutreffend als eines der weniger rühmlichen Kapitel in der Geschichte der Psychoanalyse bezeichnet.
Anerkennung fand Bowlby also nicht bei seinen psychoanalytischen Kollegen — obwohl er sie sich Zeit seines Lebens gewünscht hat —, dafür aber im Lager der akademischen Psychologie. Manche Leser könnten daraus den Schluß ziehen, dies sei das verdiente »Schicksal« für einen, der die Wissenschaft hochhält, ohne ihre Grenzen immer mit der gleichen Schärfe zu sehen wie ihre Größe, und der