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Wenn ein Buch über einen Zeitraum von 150 Jahren unzählige Auflagen in aller Herren Länder erfährt, muß es sich um ein Werk der Weltliteratur handeln. Den Struwwelpeter scheuen wir uns vielleicht nur deshalb als solches zu charakterisieren, weil es sich um ein Kinderbuch handelt. Märchen und Bücher der Weltliteratur vermitteln etwas von zeitüberdauernden Konflikten; sie sind so zeitlos wie das Unbewußte.
In Anlehnung an Bruno Bettelheims »Kinder brauchen Märchen« kann man sagen »Kinder brauchen den Struwwelpeter«. Zwar meinen viele aufgeklärte Eltern, man solle sie vor diesen grauseligen und unmenschlichen Geschichten bewahren, und enthalten ihnen dieses Kinderbuch vor, aber meist entdecken die Kleinen es irgendwo, und dann gibt es kein Halten mehr.
Was macht das Buch so attraktiv? Es sind Geschichten, in denen die Kinder sich selber oder eigene Selbstanteile wiederfinden, die abgewehrt werden und zu inneren und sozialen Konflikten führen. Sei es der bockige, trotzige, widerspenstige Struwwelpeter höchstselbst oder der böse, sadistische Friedrich, der das arme Gretchen peitscht. Im Gefühl, selbst nicht so zu sein, bieten sich diese Bösewichter als Projektionsfiguren an. Die Geschichten enden immer mit einer Moral. So wenigstens scheint es, wenn wir uns vom Text blenden lassen. Anders die Autorin. Sie hat sich die Bilder so genau angeschaut, wie dies in der Regel nur Kinder können. Sie nimmt uns mit auf ihre Entdeckungsreise und läßt uns zu erstaunlichen