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Im Vergleich zur omnimedialen Präsenz des Holocaust nimmt sich Enzo Traversos Arbeit mit dem schlichten Titel Auschwitz denken wie ein Werk der Archäologie aus. Der in Italien geborene und in Frankreich lebende Autor rekonstruiert in diesem Buch die ersten Versuche von Intellektuellen während der vierziger und frühen fünfziger Jahre, den gerade erst bekannt gewordenen industrialisierten Massenmord an den europäischen Juden zu begreifen. Die ersten Berichte aus den von den Nazis besetzten Gebieten wurden kaum geglaubt; auch die Intellektuellen in ihrer Gesamtheit unterschieden sich in ihrer fehlenden Aufmerksamkeit nicht von der antifaschistischen Öffentlichkeit, die das Verbrechen, das die Nationalsozialisten an den Juden verübten, als eine Greueltat unter vielen anderen nur am Rande vermerkte. Dieser heute so offensichtlich ins Auge springende Tatbestand provoziert die Frage: Woher kam diese Blindheit der Zeitgenossen? Selbst nach 1944, als in der Presse und im Buchdruck Berichte erschienen, aus denen sich die Einzigartigkeit dieses Verbrechens an den Juden ablesen ließ, erkannten nur Ausnahmeerscheinungen unter den Intellektuellen in der Massenvernichtung der europäischen Juden die irreversible Veränderung der Welt, die alle überkommenen Lebens- und Denkgewohnheiten in Frage stellte. Nichts anderes meinte Adornos herausforderndes Diktum, nach Auschwitz ein Gedicht zu schreiben sei barbarisch, mit dem der aus dem Exil zurückkehrende Autor die westdeutsche Öffentlichkeit aufschreckte.
Wie bisher nur wenige vor ihm hat Enzo Traverso herausgearbeitet, daß die Kritische Theorie, wie sie von Max Horkheimer und Theodor W. Adorno konzipiert wurde, ihre eindeutige Gestalt, die sie von anderen Theorien unterscheidet, erst durch die zeitgenössische Wahrnehmung von Auschwitz erhalten hat. Es bedurfte offensichtlich eines Privilegs, nämlich des Abstands zu den Ereignissen in Europa, der es diesen deutsch-jüdischen Exilanten in den USA erlaubte, eine weltgeschichtliche