You do not currently have permission to view the full text for this document. Please sign in to an account with an active subscription or contact support.
Beide Bücher beschäftigen sich trotz aller Unterschiede im Stil und mehr noch in den Motiven mit einem überraschenden Phänomen: der erstaunlichen Verbreitung der Erinnerung an den Holocaust, der mittlerweile Teil des zeitgenössischen gesellschaftlichen Diskurses in Amerika geworden ist. Vor 30 Jahren hätte wohl niemand so viel Aufmerksamkeit erwartet, denn damals schien der Holocaust fast schon vergessen.
Ich diskutiere beide Bücher in einer Rezension — nicht etwa, weil sie mit einer Stimme sprechen. Peter Novick hat sich in einem Artikel in der Welt (5. 9. 2000) unumwunden gegen Finkelsteins Buch gewandt und es als »Haßtiraden eines Besessenen« bezeichnet, »die zur kritischen Diskussion um Wiedergutmachung und Holocaust-Gedenken nichts [beitragen]«. Dennoch und trotz dieses Einspruchs müssen beide Bücher zusammen rezensiert werden, weil sie dem neuen Diskurs über historische Erinnerung angehören. Beide gehen von einer gemeinsamen These aus — der These, daß historische Erinnerung nicht als eigenständig existierende Tatsache verstanden und erklärt werden kann, sondern nur in ihrer begrenzten Funktion bei der Erfüllung der jeweiligen Bedürfnisse der Gegenwart. Novick zieht die Theorie des französischen Soziologen Maurice Halbwachs zum kollektiven Gedächtnis als »Erklärungsmodell« heran: »Anstatt das kollektive Gedächtnis als die Art zu betrachten, in der die Vergangenheit der Gegenwart ihren Willen aufzwingt, untersuchte Halbwachs, wie die Belange der Gegenwart bestimmen, was wir von der Vergangenheit erinnern und wie wir es tun« (14). Er unterstreicht die Funktion, die der Erinnerung an den Holocaust bei der Stabilisierung der Identität amerikanischer Juden in Krisenzeiten zukam:
»Der Holocaust hat als geradezu einziger gemeinsamer Nenner der Identität amerikanischer Juden den Bedarf nach einem gemeinsamen Symbol gedeckt. Als Symbol war er gut geeignet, der wachsenden Sorge um »jüdische Kontinuität« angesichts sinkender Religiosität, verstärkter Assimilation und einer