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Jeder versucht, sich Freud auf seine Weise anzueignen. Blumenberg hat ein deutliches persönliches Interesse, das er nicht verbirgt, sondern im Gegenteil offensiv vertritt: er möchte die Bedeutung des Judentums für unsere Kultur und für die Psychoanalyse hervorheben, die seiner Ansicht nach vernachlässigt/verdrängt wird. Wenn ein jüdischer Analytiker in Deutschland sich in dieser Weise engagiert, tut sich der Kommentar eines Nicht-Juden, wie ich es bin, schwer. Gleichwohl möchte ich die Meinung vertreten, daß Blumenberg zu wenig Abstand zu seinem persönlichen erkenntnisleitenden Interesse herstellt und dadurch Gefahr läuft, die innovativen Ergebnisse seiner Arbeit zu verschenken.
Zu den großen Vorzügen gehört, mit welchem Spürsinn er die neue Quelle des Briefwechsels Freud — Ferenczi heranzieht, um in Freuds Totem und Tabu einen latenten Subtext zu entschlüsseln, der mir in diesem Ausmaß vorher nicht bekannt war. Und mit welch eindringlicher Sprachkunst er plausibel macht, daß Freud im Medium der religionsgeschichtlichen Thematik un- oder vorbewußt eine Selbstanalyse betreibt. Und daß diese mit dem Abfall seines »Sohnes« Jung, mit dessen Relativierung der Bedeutung des Ödipuskomplexes und antisemitischen Ressentiments zu tun hat, und mit Freuds Auszug aus seinem jüdischen Elternhaus. Dies aufzuzeigen nimmt den größten Raum der Arbeit ein, ist für mich weitgehend neu und eröffnet ein tieferes Verständnis des Textes.
Wenn Blumenberg jedoch von der Verbannung des Judentums durch das christlich abendländische Denken spricht und meint, Freud habe in seinem Konflikt mit Jung wesentlich mit dieser Verbannung zu kämpfen gehabt, dann fragt man sich, ob dies wirklich Freuds Motiv ist oder nicht vielmehr Blumenbergs. Wenn er folgert, das eigentliche Thema in Totem und Tabu sei Freuds Versuch, das Judentum und die Psychoanalyse zu schützen — vor dem Antisemitismus und vor seiner eigenen unbewußten Feindseligkeit gegen den Vater —, und der Totemismus sei eine Chiffre dafür, so find