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In einem kürzlich erschienenen Essay machte die Religions- und Kulturwissenschaftlerin Ulrike Brunotte auf einen interessanten Sachverhalt aufmerksam. Die ritualtheoretischen Pioniere der Jahrhundertwende um 1900 von Durkheim über Frazer bis Robertson Smith erfahren gegenwärtig eine Renaissance. Man habe sich wieder, befreit von den damaligen Grabenkriegen, in produktiver Weise den klassischen Ritualtheorien etwa der Durkheim-Schule oder der Cambridge Ritualists um Jane Ellen Harrison zugewandt. Diese Forschergruppen, mit ihrem antiidealistischen Blick auf das Religiöse, vertraten im Anschluß an die bahnbrechende Opfertheorie des schottischen Alttestamentlers William Robertson Smith, daß sich die Gemeinschaft im kollektiven Opferfest die Imago des Sakralen, eine vom profanen Alltag abgetrennte heilige Gegenwelt schaffe. Freud habe diesen Forschungen durchaus nahe gestanden und sie für Totem und Tabu herangezogen, aber merkwürdigerweise, so Brunotte weiter, habe dieses Buch bis heute »keine vorurteilsfreie Wiederaneignung« erfahren. Dabei enthalte das Werk Freuds, bei genauerer Betrachtung, einen bedeutsamen Beitrag zur Ritual- und Opfertheorie, und auch Psychoanalytiker nach Freud hätten zu diesem kulturwissenschaftlichen Projekt Wesentliches beizusteuern (Brunotte 2000).
Unabhängig von diesen Überlegungen, doch in die gleiche Richtung weisend, habe ich einen Rekonstruktionsversuch von Totem und Tabu (Haas 2000) vorgelegt. Das war möglich geworden, nicht weil innerhalb der Psychoanalyse ein Umdenken bezüglich dieser Abhandlung eingesetzt hätte. Vielmehr deutet sich im Bereich der Kulturwissenschaften seit 1972 etwas Neues an. In diesem Jahr erschienen nämlich zwei bedeutsame ritualtheoretische Werke, die ohne Totem und Tabu nicht denkbar wären. Gemeint sind die Studien über Mythos und Ritual von Walter Burkert und René Girard.
In Das Heilige und die Gewalt (1972) modifiziert Girard Freuds »Urvatermord-Hypothese« in Richtung auf ein strukturierendes und Kultur hervorbr