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Freuds Spätschrift Der Mann Moses und die monotheistische Religion ist seit einiger Zeit ins helle Licht des Interesses gerückt. Äußere Gründe mögen dazu beigetragen haben, vor allem die Entdeckung von Freuds unveröffentlichtem Entwurf von 1934 mit einem bisher gänzlich unbekannten Vorwort. Auch die vieldiskutierte Frage nach der Bedeutung des Judentums für Freud und die Psychoanalyse könnte möglicherweise von einem genaueren Studium dieser für ihren Autor so wichtigen Schrift beantwortet werden. Aber vor allem zwei neuere Bücher zu Freuds Moses von Yerushalmi (1991) und Grubrich-Simitis (1991) haben fast über Nacht zu einer Popularität dieses Textes beigetragen, wie sie gegenwärtig allenfalls noch die Traumdeutung hat — und das vor allem wegen des hundertjährigen Jubiläums im Jahre 2000. Dabei war diese Schrift von Freud zuvor eher so etwas wie ein illegitimes Kind, dessen man sich fast schämen mußte. Dazu trugen vor allem zwei »Skandale« bei. Erstens hatte Freuds Behauptung — und das im Jahre 1938 —, Moses sei kein Jude, sondern ein Ägypter gewesen, sofort nach dem Erscheinen Entsetzen ausgelöst, und zweitens war die gesamte Geschichtskonstruktion unhaltbar, ein Mißbrauch der Psychoanalyse, um dort einen Anschein von Wahrheit zu konstruieren, wo es keine genügenden Quellen gibt. Überdies unterschied sich der Aufbau der Schrift zu ihrem Nachteil von den anderen Werken Freuds. Voll von Wiederholungen und Widersprüchen, trug sie ihre lange Entstehungsgeschichte viel zu sehr in sich. Ihr Wert schien nur darin zu bestehen, daß sie einen Einblick ins Seelenleben des sterbenden Freud gab.
Als historisches Werk war der Moses tatsächlich unbrauchbar. Alttestamentler erwähnten gewöhnlich Freuds historische Konstruktionen nur als Kuriosität, und erst kürzlich hat ein Vertreter dieser Wissenschaft in einer sehr sorgfältigen Untersuchung gezeigt, daß Freuds Selbsteinschätzung, sein Gebäude stehe auf tönernen Füßen, durchaus zutreffend sei.1 Aber ist eine Untersuchung schon dam