You do not currently have permission to view the full text for this document. Please sign in to an account with an active subscription or contact support.
Kann die Bindungstheorie der Psychoanalyse etwas Wichtiges sagen? Unterscheiden sich Bindungstheorie und Psychoanalyse in ihrem Zugang zur Person, ihrem Wissenschaftsverständnis und ihrem erkenntnistheoretischen Hintergrund nicht fundamental voneinander? Diese Fragen sind zunächst verständlich. Bindungsforschung und Säuglingsbeobachtung befassen sich vor allem mit Handlung und Interaktion, während die Psychoanalyse - jedenfalls die klassisch-freudianische - jenes psychische Geschehen interessiert, das passiert, wenn Handlung aufgeschoben, verhindert oder erinnert wird. In der Psychoanalyse als therapeutischem Zugang geht es um die nachträgliche sprachliche Reflexion von Erleben, wohingegen sich für den Säugling das Erleben unmittelbar im Hier und Jetzt abspielt, da er mangels symbolischer Verarbeitungnichtinder Lage ist, nachträgliche Konstruktionen oder Reflexionen durchzuführen. In der Bindungstheorie und Säuglingsforschung geht es zentral um die Interaktion mit dem anwesenden Objekt. Das in der Psychoanalyse am meisten interessierende Thema ist aber, wie André Green in seinem Streitgespräch mit Daniel Stern aufzeigt, die Erforschung des Babys bei abwesendem Objekt.
Des weiteren gehen Bindungsforschung und Säuglingsbeobachtung von einer intersubjektiven Orientierung des Säuglings seit seiner Geburt aus. Zusätzlich zu einem ich-zentrierten Wahrnehmungsmodus wird ein um die Wahrnehmung eines Anderen zentrierter Modus unterstellt, der es dem Säugling erlaubt, implizite Kenntnis der Handlungen und der Affekte eines Anderen zu haben und an ihnen teilzunehmen. Eine solche revidierte Anschauung der Ursprünge der Intersubjektivität hat beträchtliche Implikationen für die psychoanalytische Entwicklungsmetapsychologie. Die Frage ist, ob sich die Psychoanalyse diesen veränderten Sichtweisen öffnen und ihreKonzepte gegebenenfalls anpassen kann.
Aus dem Blickwinkel einer solch offenen Psychoanalyse, die sich, trotz unterschiedlicher erkenntnistheoretischer Positionen, den Befund