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Angesichts der umfangreichen biographischen Werke von Jones, Clark und Gay ist es sehr mutig, eine weitere Biographie über Freud zu schreiben. Was kann ein solcher Versuch dem Leser bieten, was die großen Bücher, vor allem das von Gay, nicht schon vorweggenommen haben? Ist es nicht ein tolldreistes Unterfangen, die ungewöhnliche Balance von Detailgenauigkeit, persönlicher Biographie, Werk- und Wirkungsgeschichte, historischer Einbettung in übergreifende Zusammenhänge, kurz: die außerordentliche Komplexität und kritische Differenziertheit der Darstellung von Peter Gay überbieten zu wollen? Hans-Martin Lohmann bewegt anscheinend keine solche Intention. Er äußert sich selbst nicht über die Motivierung und den Ort seines Buches innerhalb des bekannten Genres zur Freudbiographik. Es läßt die Fakten sprechen: »Der Mann und sein Werk. Ein biographischer Abriß als Abriß der Psychoanalyse« heißt die Überschrift über den 90 Seiten des Hauptteils seines Werkes; die weiteren 70 Seiten sind der »Psychoanalyse nach Freud«, Literaturverzeichnis, Zeittafel und Register gewidmet.
Die Beschreibung von Freuds Leben und Werk auf 90 Seiten: diese Kürze ist das Besondere, was das Lohmannsche Buch von den großen Biographien zunächst abhebt und einen Wiederholungscharakter vermeidet. Aber auch unter dieser Perspektive erscheint Lohmanns Büchlein als kühnes Unterfangen, da es prima vista fraglich ist, ob der geringe Umfang überhaupt substantielle Aussagen ermöglicht. Diese anfängliche skeptische Erwartung des Lesers wird auf angenehme Weise enttäuscht. Er lernt Freud zunächst als »jugendliche(n) Ödipus« kennen, der die »Lehrjahre des Gefühls« absolvieren muß, bevor er sich in der Auseinandersetzung mit seinen Vorbildern und Freunden Breuer und Fließ »auf dem Weg zur Psychoanalyse« findet. Sorgfältig nimmt sich Lohmann auch der späteren Etappen in Freuds Werdegang an. Er schildert auf hohem Reflexionsniveau den durch die Traumdeutung und Die drei Abhandlungen zur Sexualtheorie markierten »Dur