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»Jesus und Ödipus sind zentrale Figuren europäischer Innerlichkeit«, so beginnt der Bremer Sozialpsychologe Gerhard Vinnai sein Buch. Während sich über Jahrhunderte die Menschen an Jesus orientiert hätten, sei an seine Stelle jetzt oftmals Ödipus getreten, und zwar der Ödipus Freuds. Beide stehen aber nicht im Gegensatz, sondern sind eng verwandt und haben deshalb in ähnlicher Weise die westliche Kultur geprägt. Im Vordergrund des Buches aber steht Jesus: »Jesus symbolisiert auf verschlüsselte Art eine geheime psychologische Wahrheit des Abendlandes, die es zu enthüllen gilt« (S. 9).
Dieser Enthüllung gelten die ersten 198 Seiten des Buches. Zwar geht es Vinnai nicht darum, die Kirche und ihre Lehre zu bekämpfen, aber die Tendenz seines Buches, genauer: seines ersten Hauptteils, wird doch schon im ersten Kapitel deutlich, das den Titel trägt »Die Liebesreligion als Religion der Gewalt«. Der christlichen Liebe folgt ein Blutstrom durch die Kirchengeschichte hindurch. Und das zweite Kapitel »Vom Anfang und Ende der (biblischen) Geschichte«, eine Interpretation der Schöpfungsgeschichte und der Apokalypse, führt diese Linie noch weiter aus. Es sei die Illusion einer letztlichen Wiederkehr des Paradieses, die eine solche Gewalt erzeuge. Da sich der Autor hierfür nicht nur auf Janine Chasseguet-Smirgel, sondern auch auf ein Buch von mir selber mehrfach bezieht, ist eine differenzierende Stellungnahme nötig. Vinnai geht es nicht um die psychoanalytische Methodik. Zwar anerkennt er die Bedeutung des subjektiven Faktors, aber in Kombination mit Befunden anderer Geisteswissenschaften könne die analytische Interpretation zu Ergebnissen kommen, die über die Subjektivität des Interpreten hinausweisen. Dem kann ich zustimmen, aber die spezielle Subjektivität von Vinnai verengt die Perspektive, die er auf die Geschichte der Jesus-Gestalt in den letzten zwei Jahrtausenden einnimmt. In der Terminologie Melanie Kleins gesprochen, schreibt Vinnai fast ausschließlich aus der paranoid-sc