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Es hätte der Anfang einer neuen Geschichte werden können: »Einer seltsamen Eingebung folgend, entschloß ich mich an jenem nebligen Dezembernachmittag, die kleine Landstraße zu nehmen, anstatt, wie gewohnt, über die Autobahn zu fahren. Kurz vor einer Kurve begann sich das Auto meiner Kontrolle zu entwinden, bis ich mich fassungslos im Graben der gegenüberliegenden Straßenseite wiederfand …« Aber es gibt keine Geschichte, die so anfängt. An jenem Dezembernachmittag fand der Schriftsteller W. G. Sebald bei einem Unfall auf einer Landstraße in Norfolk, wo er seit 1966 lebte und seit 1970 als Dozent für deutsche Literatur an der University of Norwich lehrte, den Tod. So wird der Roman Austerlitz, der 2001 erschienen ist, sein letztes Buch bleiben. Die abgrundtiefe Melancholie dieses Buches ließ viele bei der Nachricht vom plötzlichen Unfalltod des Autors von seinem Selbstmord phantasieren. Diese Phantasie hat sicher nichts mit der Realität, aber viel mit der Suggestivkraft von Austerlitz zu tun, der Geschichte von katastrophischem Verlust und unheilbarem Schmerz.
Schon in den Ausgewanderten, die 1992 erschienen, ist Sebald gebrochenen Lebenslinien nachgegangen, hat mit einer Sprache, die in ihrer sorgsamen Antiquiertheit einer versunkenen Welt zu entstammen schien, und mit dem Stilmittel von dokumentarisch wirkenden, in den Erzählfluß eingestreuten Photos Spuren von verlorengegangenen Welten, zerstörten Lebenszusammenhängen der Exilanten rekonstruiert. Es ging um Menschen, die durch den Nationalsozialismus aus ihrer Welt gerissen wurden und nie mehr die Fäden der Zugehörigkeit knüpfen konnten, die ihnen gekappt worden waren.
In Austerlitz entfaltet Sebald dieses Thema zu einem großen Roman, bei dem er den Protagonisten auf dem mühsamen Weg begleitet, sich die Umstände zu vergegenwärtigen, durch die er in einen Zustand quälender Ort- und Identitätslosigkeit abgesprengt worden ist. Der Erzählfluß spiegelt den psychischen Prozeß der Wiedergewinnung verlorener Erinnerung und t