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Am Abend des 10. April 1931 wartet die 38jährige Postangestellte Marguerite Pantaine vor dem Pariser Théatre Saint-Georges. Als die international bekannte Schauspielerin Huguette Duflos, diedort die Hauptrolle in einer Boulevardkomödie spielt, sich dem Bühneneingang nähert, zieht Marguerite Pantaine ein großes Jagdmesser aus der Tasche und beginnt auf die Schauspielerin einzustechen. Glücklicherweise kann die Attentäterin bereits nach dem ersten Stich von Umstehenden überwältigt werden. Nach dem Motiv zu ihrer Tat gefragt, erklärt sie, die Schauspielerin habe seit vielen Jahren gegen sie »gepöbelt«. Außerdem habe sie sich mit dem Schriftsteller Pierre Benoit verbündet, der seine Bücher dazu mißbrauche, in Gestalt seiner Romanfiguren ihr Privatleben zu enthüllen. Nach zwei Monaten Untersuchungshaft diagnostiziert ein Rechtsmediziner »einen systematischen, auf Deutungen basierenden Verfolgungswahn, mit megalomanischen Tendenzen und einem erotomanischen Substratum«. Marguerite Pantaine wird in die psychiatrische Abteilung des Pariser Krankenhauses Saint-Anne eingewiesen, wo der damals 30jährige angehende Psychiater Jacques Lacan die Kranke etwa ein Jahr lang auf eine Weise untersucht, die im Rahmen der zeitgenössischen Psychiatrie nicht nur unüblich, sondern undenkbar war. Das Ergebnis dieser Untersuchung, Lacans Doktorarbeit Über die paranoische Psychose in ihren Beziehungen zur Persönlichkeit, liegt nun, siebzig Jahre nach ihrer Erstveröffentlichung, auf deutsch vor.
Damit hat die nicht französischsprachige Leserschaft erstmals die Gelegenheit, Einblick in die Entstehungsphase des Lacanschen Denkens zu nehmen. Aufschlußreich ist die Lektüre dieser einzigen umfangreichen Falldarstellung, die Lacan je veröffentlicht hat, in zweierlei Hinsicht: Sie stellt nicht nur eine konstruktive Kritik an den Axiomen des zeitgenössischen psychiatrischen Denkens dar, sondern versucht auch einen Brückenschlag zwischen der Psychiatrie und den Erfahrungen der damals noch jungen Psychoana