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»Liebes Fräulein Freud« adressierte Lou Andreas-Salomé, die Grande Dame der Psychoanalyse, die jüngste Tochter Sigmund Freuds am 6. Dezember 1919 in ihrem ersten Brief nach Wien: »[…] das macht mir aufrichtigen Spaß, daß wir uns auf einmal in gewichtiger Geschäftskorrespondenz finden und befinden; zu bleiben braucht's bei der ja nicht (auf diese Zukunft hin hab ich das »sehr geehrtes« schon gleich durch was - Freudisch gesprochen: - Libidinöses ersetzt)« (S. 7). Und bei dem Briefwechsel zwischen Lou Andreas-Salomé und Anna Freud handelte es sich eben keineswegs um eine »Geschäftskorrespondenz«. Ab dem dritten Brief, zwei Jahre später, wählten die beiden durchgängig die vertraute Anrede »Meine liebe Anna/Meine liebe Lou«. Zunächst schien die Intimität neu und ungewohnt für die 26jährige Wienerin: »Liebe Lou, ich schäme mich etwas, daß es mit dem Du- und Lou-Sagen so schrecklich leicht geht. Wenn die andern hier davon wüßten (zum Glück wissen sie es ja nicht) würden sie es sehr unverschämt von mir finden, aber Du weißt, daß es nicht so gemeint ist« (S. 11). Sigmund Freud blieb zeitlebens per Sie mit der fast gleichaltrigen Freundin und langjährigen Briefpartnerin. Dabei war er es, der die beiden Frauen zusammengebracht hatte und ihre Freundschaft unterstützte. Lou Andreas-Salomé, damals sechzig Jahre alt, kam im September 1921 auf Einladung Freuds nach Wien, und hier entwickelte und vertiefte sich die Beziehung der Frauen. Lou war fast wie ein Familienmitglied in der Berggasse aufgenommen worden.
Die Briefe sind Fortsetzung intimer Gespräche, vertrauter Komplizenschaft, Zeugnisse einer Seelen-Verwandtschaft. »Überhaupt ist es ganz seltsam stark mir zu Gefühl gekommen: daß wir zu Zweien uns haben müssen, nicht unter Vielen. Das ist nicht bei Allen so: es giebt Bündnisse, zu denen es beinahe gehört, gemeinsam Eindrücke und Menschen aufzunehmen, insbesondere kenne und kannte ich solche, da ich nach außen hin ungern alleine erlebe. Aber mit uns Beiden ist es ganz anders; D