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91 Jüdinnen und Juden haben in der Zeit von 1938 bis 1942 im Haus Berggasse 19, an der für die Psychoanalyse so bedeutsamen Adresse, gewohnt. Wer waren sie? Und was ist mit ihnen passiert? Fragen, die unweigerlich an die Shoah, an den Nationalsozialismus, aber auch an gegenwärtige Diskussionen zu Entschädigung und Restitution bzw. an den für die Geschichtswissenschaftler und Psychoanalytiker gleichermaßen bedeutenden Themenkomplex Gedächtnis und Erinnerung heranführen.
Ist das Unvorstellbare darstellbar? Welche Möglichkeiten hierfür haben Museen und Ausstellungen?
Die vom 26.3.–28.9. 2003 im Sigmund Freud-Museum Wien zu sehende Ausstellung Freuds verschwundene Nachbarn erinnert auf ungewohnte Weise an die ehemaligen Bewohner des Hauses Berggasse 19. Nur anhand von Aktenmaterial, also Formularen, Briefwechsel mit NS-Behörden, Anweisungen, Listen, Bescheiden oder Zahlungsanweisungen von Restitutionskommissionen, wird bruchstückhaft der jüdischen Schicksale gedacht. Dabei steht das Mietshaus in der Berggasse 19 mit seiner zufällig berühmt gew ordenen Adresse beispielhaft für etwas, was an vielen anderen Orten Wiens geschehen ist. Die scheinbare Banalität eines Vermögensverzeichnisses, einer stornierten Schiffspassage oder eines Abmeldevermerks auf einem Meldezettel machen in ihrer bürokratischen Diktion das Ungeheuerliche deutlich und ersetzen die sonst in Ausstellungen üblichen Plakate, Collagen aus Zeitungsausschnitten, rekonstruierten Biographien oder »berührenden« Fotografien.
Die Ausstellung stellt eine Beziehung zu den Menschen und zu den einzelnen Wohnungen her, in denen sie entweder über Jahrzehnte als Hauptmieter wohnten oder für kürzere Zeit in sogenannten »Sammelwohnungen« (bis zum Abtransport in ein Lager) zwangsweise einquartiert waren. Acht von 14 Wohnungen in der Berggasse 19 waren von Mietern bewohnt, die der nationalsozialistischen Verfolgung zum Opfer fielen, an ihrem Beispiel werden die sukzessive Beraubung und Enteignung der jüdischen Bevölkerung Wiens