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Honoré de Balzac hat in der Erzählung Das unbekannte Meisterwerk ein fiktives Bild solange beschrieben, bis es sich auflöste. Dessen Autor, der fiktive Maler Frenhofer, wollte die Fläche nicht nur in den Körper, sondern in den lebenden Körper, und diesen ins Fleisch, Inkarnat, auflösen - und scheiterte daran. Bei Balzac kommt es zu einer Reversion des klassischen Effekts, den Vasari schon 1568 benannt hatte: von nahem verschwindet das Subjekt/sujet, das man von weitem sieht. Bei Balzac kann der ebenso fiktive Poussin zuletzt und von nahem in den Fleisch- und Farbbergen nur noch einen Fuß des porträtierten Modells erkennen.
Stellte bereits Balzacs Erzählung in ihrer Anverwandlung des poetischen an das piktorale Kunstwerk zugleich dessen mimetische Überbietung dar, so überbietet Didi-Huberman diese Überbietung nochmals. Die leibhaftige Malerei ist eine radikalisierte Lesart des Unbekannten Meisterwerks - und Balzacs Erzählung beschließt auch in neuer, wunderbarer Übersetzung durch Michael Wetzel diesen Band. Diese Radikalisierung verlangt vom Autor wie von seinem Übersetzer einen Verzicht auf die gewöhnliche Wiedererkennungs- und Einordnungsfunktion aller kunsttheoretischen, philosophischen und psychoanalytischen Begriffe. Denn das konventionelle Sehen = Wiedererkennen = Einordnen soll ja gerade unmöglich gemacht werden - so wie Frenhofer sein Bild solange bearbeitet, bis man »nichts mehr darauf erkennen kann« - bis auf den Fuß, die Verschiebung auf ein Kleinstes. In dem Wunsch, das Fleisch/Inkarnat sichtbar zu machen, mußte Frenhofer das Bild schließlich als Bild zerstören, weil sein Wunsch unter der Hand als totalitäre Begierde Macht über ihn gewonnen hatte: er wollte mit dem Malgerät buchstäblich ins Fleisch eindringen. Didi-Huberman: »Weil Frenhofer das Fleisch selbst wollte und nicht seine Zeichnung, seine minderwertige Silhouette, erhält er nur einen Fetzen, ein Aufblitzen - dieses dort, ganz nahe am Busen (das nur er allein sieht), oder jenes dort, nicht weniger