You do not currently have permission to view the full text for this document. Please sign in to an account with an active subscription or contact support.
»Ein Überlebender hat das Recht zu vergeben«: mit diesem Satz ist ein Interview überschrieben, das der Sozialpsychologe Harald Welzer mit der Überlebenden Eva Mozes Kor führte, die gemeinsam mit ihrer Zwillingsschwester in Auschwitz die medizinischen Experimente des KZ-Arztes Mengele überlebte. Frau Kor betont in diesem Interview die Entlastung, die sie durch eine Befreiung aus der vom Interviewer so bezeichneten »Opferrolle« erfahren hat:
»Ich lehne es einfach ab, die Rolle des Opfers zu spielen. Als ich mit dem Vergeben begonnen hatte, fiel eine Last von meinen Schultern, die ich fast 50 Jahre mit mir herumgetragen hatte. Die Vergebung schafft einfach die Möglichkeit, daß ein Opfer wieder zu jemandem wird, der kein Opfer ist. Der Schmerz verschwindet, und man ist einfach ein ganz normaler Mensch« (Welzer 2003a).
In der anschließend in der Frankfurter Rundschau geführten Debatte plädiert Welzer für das Recht Überlebender, NS-Tätern zu vergeben und dadurch ihre Autonomie zurückzugewinnen. In diesem Zusammenhang fallen kritische, abwertende und auch falsche Bemerkungen über die Ansätze der therapeutischen Bearbeitung psychischer Traumata. Er behauptet: »Die Ideologie des Durcharbeitens und Konfrontierens schreibt den Opferstatus fest, obwohl sie ihn zu beseitigen vorgibt« (FR v. 13.6.2003). Noch krasser formuliert er seine Haltung zur Traumatherapie:
»Jeder gute Therapeut wird jenem Bewältigungsstil Raum geben, der dem Patienten hilft; nur die schlechten halten sich an Glaubenssätzen fest — daß Erinnern grundsätzlich besser als Vergessen sei oder daß eine Form der Befreiung aus dem Leiden besser als eine andere sei« (Welzer 2003b).
Beide Aussagen zeugen von einer beträchtlichen Ignoranz gegenüber den neuen Konzeptualisierungen der Psychotraumatologie, wie sie z. B. von Gottfried Fischer und Peter Riedesser (1998) auch systematisch vorgelegt worden sind, deren Theoriebildung auf der Basis differenzierter klinischer Erfahrungen entwickelt wurde. Dies ganz zweifellos mit de