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Im Deutschen Ärzteblatt publizierten unlängst Gerd Schulte-Körne und Helmut Remschmidt einen Artikel über die Legasthenie, der den derzeitigen Stand der medizinisch-psychiatrischen Meinung darstellen dürfte (2003, Ausgabe C, 100, S. 333-338). Sie bezeichnen die Legasthenie als eine genetisch bedingte hirnorganische Entwicklungsstörung. Die Symptomatik ist im ICD 10festgehalten; die Diagnose wird anhand von Testuntersuchungen ermittelt. Die Therapie besteht in einem speziellen Übungsprogramm, das etwa zwei Jahre dauert. Entwick-lungshemmende Einflüsse des Elternhauses werden entschieden verneint. Sie würden, so die Autoren, Schuldgefühle erzeugen. Dem gegenüber, so kannmanargumentieren, stehtaberdie Hoffnungslosigkeit durch die Festschreibung eines angeborenen Defekts.
Vergleicht man diese Auffassung mit dem Buch von Erika Mertens, fühlt man sich in zwei Welten versetzt. Auf der einen Seite das Bemühen um Objektivität und Meßbarkeit, auf der anderen Seite das Bemühenum einen Zugang zur Erlebniswelt und eine ganzheitliche Betrachtung der Persönlichkeit im Verband mit den Bezugspersonen. Dabei ist Mertens keineswegs moderner Hirnforschung gegenüber verschlossen; vielmehr nimmt sie einen fortschrittlicheren Standpunkt ein als Schulte-Körne und Remschmidt, denn sie betrachtet das Gehirn nicht als statische Gegebenheit, sondern als ein Organ, das sich erst durch den Einfluß stimulierender Interaktionen auf die Bahnungen und Vernetzungen entwickelt. In seiner ursprünglichen Bedeutung ist Schreiben die sprachliche Mitteilung an einen Abwesenden. Im Lauf der Geschichte hat sie ein breiteres Spektrum an Funktionenerworben, zum Beispiel beim schulischen Lernen, für die Speicherung von Gedanken und Wissen und das Herstellen der Verbindung des Heute mit dem Gestern und Morgen. Lernen ist ohne Schreib- und Lese-kenntnisse undenkbar.
Lese-Rechtschreibeschwäche ist mehr als die von Schulte-Körne und Remschmidt behauptete Teilleistungsstörung. Sie ist Ausdruck einer Störung der Gesamt