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Es ist ein eigentümliches Phänomen in wissenschaftlichen Diskussionen, daß sich manche Fragestellungen höchst aktuell aufdrängen, um dann in Relevanz und Interesse wieder abzuebben, ohne daß sie wirklich gelöst wären. Drängende Fragen aber tauchen, neurotischen Symptomen gleich, wieder auf, sie insistieren, wenn auch nicht immer in der gleichen Form, so daß die Kontinuität der Fragestellungen auf den ersten Blick oft nicht ersichtlich ist.
Vor einigen Jahrzehnten war die Frage, ob der Ödipus-Komplex von universaler Natur ist, wesentlich für die Anerkennung der Psychoanalyse als transkulturell gültiger Wissenschaft. Ein globales Vorkommen des Ödipus-Komplexes, sollte es empirisch erweisbar sein, würde die universelle Anwendung der Freudschen Lehre sicherstellen. Aber die Aufgabe ist unlösbar. Viel zu komplex ist das Konstrukt der Ödipalität, als daß es sich in einfachen empirischen Untersuchungsdesigns überprüfen ließe. Die Fragestellung versandete, da sie nicht wirklich zu bearbeiten war. Eine Facette von Ödipalität ist, darauf hat J. Lacan zu Recht hingewiesen, die Einführung des Subjekts in die symbolische Ordnung; bekanntlich hat Lacan die symbolische Kastration mit der Unterwerfung des infans unter die Sprachordnung gleichgesetzt (Lacan 1966). Die untergegangene Frage nach der Universalität des Ödipus-Komplexes taucht in den letzten Jahren in gewandelter Form wieder auf, nämlich als Frage nach dem Verlust verbindlicher symbolischer Ordnungen, und diese Frage wird in unterschiedlichen Richtungen konkretisiert. In gesellschaftskritischer Wendung kann es um den Verlust einer verbindlichen Moral oder um den Verlust religiöser Orientierung ebenso gehen wie um den Machtverlust der Politiker gegenüber einem globalisierten Wirtschaftssystem. Die von A. Mitscherlich gestellte Diagnose, daß unsere Gesellschaft »auf dem Weg zur vaterlosen Gesellschaft« (Mitscherlich 1963) sei, wird vermutlich von vielen inhaltlich geteilt, aber a